Enthusiasmuskolumne  

Zum Weinen, Lachen und Kopfschütteln

Diesmal: Das beste Gesamtwerk der Welt der Woche

Feuilleton | Sebastian Fasthuber | aus FALTER 34/13 vom 21.08.2013

Die Popgeschichte ist reich an tragischen Helden. Musikern, die es trotz besonderer Fähigkeiten nicht ganz geschafft haben, weil sie ihrer Zeit voraus waren, weil sie zu sehr brannten und zu schnell verglühten, weil ihre Plattenfirma sich nicht um sie gekümmert hat oder weil die Welt ganz einfach nicht zuhören wollte.

Der lustigste tragische Held der Popmusik ist Harry Nilsson. Sein Scheitern zeigt sich an der Tatsache, dass er in den ausgehenden 60er- und frühen 70er-Jahren zu den besten Songschreibern überhaupt zählte; seine größten Hits jedoch landete Spaß- und Pechvogel Harry mit zwei Coverversionen: "Everybody’s Talkin’“, das durch den Soundtrack zu "Asphalt-Cowboy“ 1969 zum Welthit wurde, hat leider Fred Neill geschrieben, und "Without You“ (viel später von Mariah Carey zersungen) stammt von der Gruppe Badfinger. Nilssons eigene Nummern waren mal zu smart, mal zu durchgeknallt für die Hitparaden, und in den besten Fällen beides gleichzeitig. "Coconut“, eines seiner bekannteren Lieder, besteht aus einem einzigen Akkord - und doch passiert eine ganze Menge.

Weniger Pech als Nilssons eigene Schuld war, dass er sein größtes Kapital mit legendären Sauforgien zerstörte: seine Dreieinhalb-Oktaven-Stimme. Zu Beginn seiner Karriere konnte er wie ein Engel singen. Auch als er 1971 sein erfolgreichstes Album "Nilsson Schmilsson“ aufnahm, war die Stimme noch da. Bei den hochprozentigen Sessions zum mit Intimfreund John Lennon aufgenommenen Album "Pussy Cats“ (1974) aber gelang ihm oft nur mehr ein Krächzen.

1994 verstarb Nilsson an Herzversagen. Jetzt ist sein Werk fast komplett in der Box "Nilsson - The RCA Albums Collection“ erschienen - zum Weinen, Lachen und Kopfschütteln schöne Musik.

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