Ohren auf  

Die verliebte Geige und ihre große Schwester

Von Bartók bis Feldman

Feuilleton | Miriam Damev | aus FALTER 34/13 vom 21.08.2013

Dreißig Jahre liegen zwischen Béla Bartóks "Violinkonzerten 1 & 2“ (Harmonia Mundi), die Isabelle Faust mit dem schwedischen Radio-Sinfonieorchester unter Daniel Harding aufgenommen hat. Schwer verliebt war der 26-jährige Bartók, als er im Sommer 1907 sein erstes Violinkonzert komponierte. Es sei "Musik, die direkt aus dem Herzen komme“, schrieb Bartók - zärtlich und hoffnungslos romantisch. Wie ein Rückblick auf sein bisheriges Schaffen klingt das 1938 vollendete zweite Violinkonzert. Kantable Momente wechseln sich mit schroffen Passagen ab. Faust kostet diese Stimmungsumschwünge zwischen rasendem Eifer und sinnlichem Schwelgen voll aus, ohne an Transparenz und Natürlichkeit zu verlieren.

Was für Bartók die Violine war, war für Paul Hindemith die Bratsche. Kaum ein anderer Komponist hat so viel für dieses herrliche Instrument geschrieben. In den nächsten Jahren will Tabea Zimmermann alle seine Bratschenwerke einspielen; Teil 1 der "Complete Viola Works“ (Myrios Classics) ist nun mit dem Deutschen Sinfonie-Orchester Berlin unter Hans Graf erschienen und führt zu beinahe vergessenen Werken Hindemiths. Keine leichte Kost, doch wer sich darauf einlässt, wird mit ungemein spannender Musik belohnt, die bis an die physischen Grenzen geht, in der sich aber ebenso sinnliche wie gesangliche Momente finden.

Wie aus dem Nichts entfalten sich die Töne in Morton Feldmans "Violin and Orchestra“ (ECM). 60 Minuten dauert das Werk, dessen Klangwelten Carolin Widmann gemeinsam mit Emilio Pomàrico und dem Frankfurter Radio-Sinfonieorchesters erforscht. Feldman komponierte kein Violinkonzert im klassischen Sinn. Sein Stück erinnert vielmehr an eine Klangstudie, in der sich Feldman auf die Repetition eines Tones oder einer Harmonie mit ganz kleinen Veränderungen konzentriert. Daraus entfaltet sich ein beinahe hypnotischer Klangteppich. Feldmans Musik umweht stets das Rätselhafte. Vielleicht ist es genau das, was ihre Faszination und Schönheit ausmacht.


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