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Cocktail für eine Leiche oder: Orangensaft zum Quadrat Lexikon der Getränke. Diese Woche: Orangensaft

Lexikon der Getränke. Diese Woche: Orangensaft

Stadtleben | aus FALTER 34/13 vom 21.08.2013

Ein Orangensaft, der aus dem Hause Hitchcock kommt, der kann nicht unberührt im Regal belassen werden. Dieser Saft ist eckig und hat Format: Die Glaseinwegflasche mit dem blauen Etikett vermittelt eine Aura des Elitären.

Aber warum eigentlich? Ist es der Name, der unweigerlich mit dem Meisterregisseur in Verbindung gebracht wird? Sind es die auf beiden Seiten platzierten grafischen Elemente, die wie abstrahierte Messer wirken: Gerade eben noch haben sie die tatsächlich frisch aussehenden Orangenspalten zerteilt, womit das Attribut "Premium Orange 100 % Direktsaft“ glaubhaft unterstrichen wird? Oder ist es der merkwürdige rote Punkt in der Mitte mit der Unterzeile "The red dot for fruity ideas“ - der MacGuffin in der bunten Welt der Exotik-Fruchtsaftindustrie? Das Erscheinungsbild funktioniert und der Saft schmeckt. Die Zeile "mit handverlesenen Florida-Orangen“ wirkt allerdings antiquiert - zu sehr sind die ausgebeuteten Orangenpflücker in Brasilien, Südeuropa oder Orange Country bereits Thema des Zeitgeistes geworden. Damit kann man keine Qualität verheißen. Die Zeiten der idealisierten Orangenpflücker, so wie der Maler Hans von Marées sie gesehen hat, sind endgültig vorbei.

Natürlich darf auch nicht unerwähnt bleiben, dass Direktsaft - also Saft, der im Produktionsland gepresst und in Tanks verladen wird - um ein Sechstel mehr wiegt als Orangensaftkonzentrat. Der Transport hat dadurch definitiv eine höhere CO2-Bilanz. Man schmeckt aber den Unterschied. MS


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