Wenn sich Grauen dazwischenschiebt

Der Krieg ganz privat. "Fremde im Visier" nur noch diese Woche bei den Multimedialen Sammlungen

Lexikon | Tiz Schaffer | aus FALTER 34/13 vom 21.08.2013

Ganze zehn Monate ist sie gelaufen, jetzt neigt sie sich dem Ende zu - die Ausstellung "Fremde im Visier". Sie zeigt selbst geknipste Kriegsfotos von Wehrmachtssoldaten, auch von steirischen. Schon die Eingangssituation der Ausstellung im Joanneumsviertel verdeutlicht, dass selbst mehr als 70 Jahre nach Kriegsbeginn die alten Wunden immer wieder aufbrechen: in einem Schaukasten sind nationalsozialistische Anstecker oder auch eine Offizierspistole, eine Luger 08, zu sehen. Erst 2008 wurde dieser Fund unter einem Haus im deutschen Fürstenwalde gemacht.

Aus Deutschland kommt auch die Ausstellung, die Fotos zeigt, wie sie etwa beim Überfall auf Polen 1939 oder während des Vernichtungskrieges im Osten ab 1941 geschossen wurden. Für die Wanderausstellung, die zuvor etwa in München oder Frankfurt zu sehen war, wurde aus mehr als 30.000 Fotos eine Auswahl getroffen. Petra Bopp ist die Kuratorin der Ausstellung. Die in Hamburg lebende Kunsthistorikerin wirkte schon in den 90er-Jahren an der ersten der beiden sogenannten Wehrmachtsausstellungen mit. "Fremde im Visier" allerdings ist keine Anklage, die Verbrechen des Krieges und ihr schauriges Antlitz stehen nicht vordergründig im Zentrum. Sondern auch Fotomaterial, das damals etwa unter dem Motto "Die Front knipst ... die Heimat freut sich", wie es im Propagandajargon hieß, angefertigt wurde. Denn die Soldaten haben die Fotos an ihre Familien nach Hause geschickt, um sie -anfänglich noch - am Reiz fremder Länder und an einem Ereignis von weltgeschichtlicher Bedeutung teilhaben zu lassen.

Aber mit zunehmender Dauer des Krieges verfinstert sich die Bildsprache, es macht sich Ernüchterung breit. Aber so furchtbar die Aufnahmen von Erschießungen oder Erhängten sind - nicht nur die explizite Darstellung von Gräueltaten schockiert. "Das Grauen", so erzählte die Kuratorin Bopp dem Falter zu Beginn der Ausstellung, "schiebt sich immer wieder dazwischen". Das Bild eines vermutlich sowjetischen Soldaten kurz vor seiner Hinrichtung - es zeigt seine unendliche Verzweiflung - ist schwer aus dem Kopf zu bekommen.

Zur Finissage hält Martin Pollack den Vortrag "Die nachträgliche Verhöhnung der Opfer. Über den fragwürdigen Handel mit Wehrmachtsfotografien". Und die kuratorische Assistentin Petra Scheiblechner berichtet, wie die begleitende Reihe "Ihr Album unter der Lupe" gelaufen ist. Interessierte hatten die Möglichkeit, Fotoalben aus dem Krieg begutachten zu lassen, um mehr über die abgebildeten Motive und Orte zu erfahren.

Multimediale Sammlungen, Joanneumsviertel Graz, Do 16.00-19.00 (Finissage)


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