Kommentar  Mariahilfer Straße neu

Vielleicht haben wir einfach keine Fußgängerzone verdient

Falter & Meinung | Christopher Wurmdobler | aus FALTER 35/13 vom 28.08.2013

In einer Stadt, in der jede Schanigarteneröffnung mit lautem Tamtam und Wirtschaftskammerpräsidentinnen- und Bürgermeistersegen zelebriert wird, verlief die Eröffnung der testweise eingerichteten Fußgängerzone auf der Mariahilfer Straße erstaunlich ruhig. Vorerst. Der Sturm der Entrüstung folgte sogleich. Und statt Party, Fuzo-Angeboten und Ausweitung der Schanigartenzone gab es - mitunter nicht unberechtigten - Protest.

Und was machten die Fußgänger? Sie gingen Mahü schauen und taten ein paar zögerliche Schritte auf ein neues "Geh-Lände“, das aber immer noch wie eine Fahrbahn ausschaut. Ein bisschen ist das so, als würde man Kindern alles Spielzeug aus ihrem Zimmer entfernen und sagen: "Geh spielen!“ Aber womit? So kann das nicht funktionieren. Der Freiraum muss gestaltet sein, es muss Möglichkeiten geben, nicht nur zum Sitzen (siehe Seite 42). Abgesehen davon war doch klar, dass es Ärger mit dem Bus geben wird. Nach einer Woche war immer noch nicht allen klar, was man in der Fußgänger- und Begegnungszone darf und was nicht. Der Lieferverkehr liefert bis nach 13 Uhr, Radler haben keine Ahnung, was Schrittgeschwindigkeit bedeutet, und als Fußgänger spaziert man halt nicht gerne auf schwarzem Asphalt mitten auf einer autofreien Autobahn.

Ja, wir befinden uns in einer Testphase. Ja, das kann auch böse enden. Also sollten wir uns möglichst schnell mit dem neuen Probekinderzimmer anfreunden - solange es noch geht. Sogar als Unternehmer. Wenn sich demnächst auf der Mahü wieder die Autos stauen und Fußgänger missmutig im Gedränge stehen (und in den Schanigärten keiner im Gestank sitzen mag), dann haben wir es vielleicht einfach nicht besser verdient.


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