Tiere

Welt als Wille

Falters Zoo | aus FALTER 35/13 vom 28.08.2013

Warum“, fragt sich und mich Herr N., "ernährt sich diese Wespe von Schopenhauers, Über den Willen in der Natur‘? Geht es dem guten Tier nur um die Qualität des Papiers (Haffmans-Ausgabe) oder auch um den Inhalt? Und wo fressen die das alles nur hin? Was machen sie damit? Ein Schopenhauer-Nest bauen?“

Eine passende Anfrage am Ende des Sommers, wo sich Medien gerne bei der Verwendung des Wortes "Wespenplage“ übertrumpfen. Mich plagen hingegen meistens die schwummrigen Fotos im Stil des Weichzeichnerfotografen David Hamilton, die solchen Mails beigelegt werden und die eine Artbestimmung unmöglich machen. Aber diesmal ist das Foto scharf wie eins von Helmut Newton. Den Schopenhauer verschlingt etwas überraschend eine Gemeine Wespe (Vespula vulgaris) und nicht die in Wien ebenfalls häufig vorkommende Deutsche Wespe (Vespula germanica).

Ende August müssen die Arbeiterinnen keinen weiblichen Nachwuchs mehr aufziehen und sind arbeitslos. Daher vertreiben sich die meisten ihre Zeit mit Herumfliegen und Futtersuchen. Das empfinden manche Menschen als Plage, obwohl diese Wespen vor allem andere Insekten fressen: Pro Stunde fängt eine Wespe circa fünf Fliegen. Ob man sich also stattdessen eine biblische Fliegenplage wünscht, ist Geschmackssache, aber sicherlich unhygienischer.

Zoologisch erklärt sich das wespische Interesse an Büchern so, dass jetzt nur mehr Waben für männliche Larven gebaut werden. Als Ausgangsmaterial dafür bevorzugt die Gemeine Wespe statt Holzspänen durchaus Papier, das sie mit ihrem Speichel zu Papiermaschee formt.

Der Schopenhauer wird also nicht gefressen. Das Futter hingegen teilen sie sofort im Nest unter den Larven und Genossinnen auf. Die Nahrung wird aus dem Kropf hervorgewürgt und von der einen zur anderen weitergereicht. Sodass man von einem "sozialen Magen“ in einem Wespennest sprechen kann.

Wespen kennen keine Vorratshaltung wie Bienen oder Ameisen. Alles wird sofort verfuttert. Die Larven, die aus hygienischen Gründen keinen Darmausgang haben, geben aber an kalten, flugfreien Tagen die verdaute Nahrung wieder als flüssiges Sekret an die Arbeiterinnen ab.

Schopenhauer als Baumaterial wurde von den Wespen sicher nicht zufällig gewählt, denn dieser wusste: "Jeder dumme Junge kann einen Käfer zertreten. Aber alle Professoren der Welt können keinen herstellen.“

iwaniewicz@falter.at

zeichnung: püribauer.com


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