Meinesgleichen

Amsellatein. Zum Tod des Dichters Seamus Heaney

Falter & Meinung | aus FALTER 36/13 vom 04.09.2013

Ein Tag ohne Gedicht ist ein verlorener Tag, sagte der Verleger und Dichter Michael Krüger einmal. Ein Tag, ohne ein Gedicht gelesen zu haben, meinte er damit, nicht, ohne eines geschrieben zu haben. Seamus Heaney hat nicht jeden Tag ein Gedicht geschrieben, aber er wird keinen Tag verbracht haben, ohne an das Schreiben eines Gedichts zu denken. Heaney war einer der größten Lyriker seiner Zeit. Der Nobelpreis, mit dem man ihn ehrte, beweist das nicht, aber seine Gedichte tun es. Man kann es im deutschen Sprachraum wohl kaum nachvollziehen, was der Tod eines Dichters in Großbritannien bedeutet (oder auch in Polen, um in der Nähe zu bleiben). Nicht nur, dass es Lehrstühle für Poetry gibt - Heaney lehrte selbst an amerikanischen und britischen Universitäten - und Dichtung an Schulen gelehrt wird, man liebt und liest seine Dichter. Englische Zeitungen und Websites quollen über vor Nachrufen, Details aus dem Leben des irischen Dichters Heaney und Videos mit von ihm rezitierten Gedichten. Er enthielt sich keineswegs der Politik, ließ sie aber nie seine Poesie übertrumpfen. Amseln sind in seinem Werk wichtiger als Terroristen. Das Motto für seinen Grabstein entnahm er einer eigenen Übersetzung aus Sophokles, seine letzten Worte zu seiner Frau ("Hab keine Angst!“) sprach er auf Latein. Wem das zu klassisch ist, der beruhige sich damit, dass Sänger Bono stets einen Band mit Heaneys Gedichten bei sich trägt. Sie helfen ihm durch manche Krise, sagt er. Am 30. August starb Heaney 74-jährig in Dublin.


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