Enthusiasmuskolumne  

Der höfliche Egoismus der Ärzte-Fans

Diesmal: Bestes Sozialverhalten der Welt der Woche

Feuilleton | Julia Seidl | aus FALTER 36/13 vom 04.09.2013

Man wartet. Zuerst Monate, dann Stunden. Und oft scheinen diese Stunden bis zum Beginn eines Ärzte-Konzerts langsamer zu vergehen als die Monate davor. Und dann, wenn die Band da ist und die Bühne betritt, möchte man als selbsternannter treuester Fan ganz vorne stehen, Blickkontakt mit den Idolen aufnehmen, ihnen vielleicht sogar die Brüste zeigen, wenn man dafür zur Belohnung einen Drumstick von Bela B. bekommt.

Man nimmt sie in Kauf: die bis zum Rand gefüllten Bierbecher, die von irgendeinem Idioten ins Publikum geschmissen werden, den im Lauf der Stunden zunehmenden Harndrang und die vielen anderen nervigen Fans rundherum. Man drängt, schlüpft unter den klatschenden Händen hindurch, kämpft sich immer weiter vor: Die sollen sich nicht so anstellen! Eine Person können sie doch durchlassen.

Man handelt egoistisch und weiß es. Und wenn man dann vorne ist, merkt man: Es ist gar nicht so viel Unterschied, die Figuren auf der Bühne sind jetzt etwas größer und die Leute schwitzen stärker. Aber hier vorne stoßen sie nicht so rum. Im Gegenteil. Die Fans sind friedlicher als die Grantscherben hinten. Vermutlich, weil ihnen gelungen ist, woran die anderen gescheitert sind: vorne stehen.

Dafür wird man jetzt eingebunden in den verantwortungsvollen Job, die übermütigen Crowdsurfer, die die Fast Lane über die Köpfe der Zuschauer in Richtung Bühne benutzen, mitzustützen und darauf zu achten, dass sie heil vorne ankommen. Es soll ja keiner runterfallen und sich verletzen.

Wenn einer dem Druck des "Vornestehens“ nicht standhält und umkippt, ist es eine Selbstverständlichkeit, Platz zu machen, ihm aufzuhelfen und dafür zu sorgen, dass er es bis zu den Securitys schafft, die ihn da rausholen. Ja, Konzerte haben schon was. Selten ist man so egoistisch. Und so hilfsbereit.


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