Echte und falsche Österreicher - ein Mortier-Interview und die Folgen

Feuilleton | aus FALTER 36/13 vom 04.09.2013

Gerard Mortier holte als Intendant der Salzburger Festspiele nach, was das Festival bis dahin weitgehend unterlassen hatte: Er brachte die Moderne des 20. Jahrhunderts auf die Salzburger Opernbühne und geriet dadurch automatisch in gewissen Kreisen in Verruf. Und zwar in jenen, die auf Fortsetzung einer Kulturpolitik Wert legen, wie sie nach 1945 Kernbestand der Zweiten Republik war und leider zum Teil noch ist. Der repräsentative Kulturalismus, wie diese Politik hieß, richtete sich wohl in erster Linie gegen die Gespenster der Vergangenheit, gegen die Moderne der Jahrhundertwende und jene des Roten Wien der 1920er-Jahre, aber er hielt praktischerweise auch die europäische Moderne des gesamten 20. Jahrhunderts von den Opernspielplänen fern.

Das kritisierte Mortier in seinem Falter-Interview, er polemisierte gegen den "armen“ Spielplan der Staatsoper, der den Horizont des Publikums unstatthafterweise verenge. Bereits vor einem Jahr hatte Klangforum-Intendant Sven Hartberger darauf hingewiesen, dass die Ausblendung alles Zeitgenössischen und Österreichischen nicht nur kulturpolitisch untragbar ist, sondern auch dem Bundestheatergesetz widerspricht ("Aus einem toten Haus“, Falter 21/2012).

Das Mortier-Interview wurde in spanischen, deutschen und österreichischen Zeitungen zitiert (siehe Seite 4). Auch Staatsoperndirektor Dominique Meyer war mit einer Reaktion auf Mortiers Kritik zur Stelle, natürlich nicht zur Sache, sondern ad hominem. Mortier sei "nicht seriös“, sagte er vergangene Woche auf orf.at. Man sieht, Meyer ist schon ein echter Österreicher. AT


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