Fragen Sie Frau Andrea

Löffelstellung: Silber und Ei, lass es sei’!

Kolumnen | aus FALTER 36/13 vom 04.09.2013

Andrea Maria Dusl beantwortet knifflige Fragen der Leserschaft

Liebe Frau Andrea,

eine liebe Erinnerung an meine Oma: weiches Ei, kein tägliches Vergnügen in den 1960ern. Das Lustige daran: Es wurde immer mit Plastiklöffel serviert. Warum, wurde nicht erklärt, wie das in den 1960ern halt üblich war. Noch heute ertappe ich mich dabei, zum weichen Ei einen Plastiklöffel zu nehmen. Warum eigentlich? Eierspeisen wie Omelett wurden ja auch mit Metallbesteck gegessen, was hatte es mit dem Plastiklöffel denn so auf sich beim weichen Ei?

Liebe sonntägliche Grüße

aus dem 7. Bezirk,

Inge Mayer, per Smalt

Liebe Inge,

schon in der Antike wurde die antibakterielle Wirkung von Silber entdeckt - die Reichen und Mächtigen ließen sich Geschirr und Besteck aus dem glänzenden Edelmetall anfertigen. Silber, dies gehörte jahrhundertelang zur Haushaltserfahrung begüterter Schichten, hat einen gewichtigen Nachteil: Es tendiert dazu, schwarz anzulaufen, es "oxidiert“, wie der Volksmund fälschlich sagt. Tatsächlich ist der hässliche und übel schmeckende Überzug ein Salz, das in chemischer Reaktion von Schwefel und Silber entstehende Silbersulfid.

Wie kommt der Schwefel ans Silber? Wir ahnen es: Der Schwefel kommt aus dem Ei. Ohne uns hier mit den komplexen chemischen Reaktionsketten aufhalten zu wollen: Wir alle kennen die Tendenz von Eiern, "schwefelig“ zu riechen. Das Essen von Eiern mit dem Silberlöffel war jedenfalls nicht nur unschicklich, sondern schlicht unappetitlich. Im bürgerlichen und aristokratischen Haushalt und auch in den Restaurants und Hotels dieser Klientel aß man Ei deshalb mit dem Horn- oder Perlmuttlöffel - Ei vom Huhn, von der Gans, von der Ente, von Wachteln, Tauben und Fasanen.

Auch die Eier einer ganz anderen Spezies wurden mit den elegant geschnitzten, in diesem Fall allerdings, Füllfedern ähnlich, privat verwahrten und aus dem Täschchen gezauberten Speziallöffeln gegessen: der Rogen kaspischer Störe, Kaviar. Ein spätes Echo auf die silberfreie Löffelei ist der massenindustriell erzeugte Spatel aus Plastik, wie Sie ihn aus familienanekdotischem Zusammenhang kennen. Moderne Eierlöffel aus Edelstahl-Chrom-Nickel-Legierungen können Sie indes getrost zum Essen weicher Eier einsetzen.


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