Tiere

Millennium

Falters Zoo | aus FALTER 36/13 vom 04.09.2013

Peter Iwaniewicz lässt diesmal den Tausendsassa raushängen

Tausendmal berührt, tausendmal ist nix passiert.“ Dieser Song von Klaus Lage erscheint mir als einstimmendes Zitat besser geeignet als "Tausend Tränen tief“ von Blumfeld. Zum Glück ist nichts passiert nach genau 1000 Tierkolumnen, denn die Falter-Leserschaft ist in zoologischen Fragen sehr genau. Bezeichne ich mal flapsig Fische als "unsere schuppigen Freunde“, dann landet sofort ein Brief mit Auflistung aller schuppenlosen Fischarten in der Redaktion. Daraufhin begrüßte mich der sonst über jede Schadenfreude erhabene Herr Chefredakteur mit einem raffiniert doppeldeutigen "Wels kennst du wohl nicht“.

Also will das Tier zur Kubikzahl 1000 wohlüberlegt sein. 1000 Meter lang? Gibt’s nicht. 1000 Kilo schwer? Da wäre der Bison, aber der ist zu amerikanisch. Das Nashorn. Zu afrikanisch. Schließlich soll doch heutzutage alles regional und saisonal sein. Der Tausendfüßler. Den gäbe es auch in Wien, aber leider wäre das Themenverfehlung. Denn - auch wenn es der Name dieser Tiere verheißt - mehr als 750 Beine bringen diese Tiere nicht auf den Boden. Die österreichischen Arten haben sogar meist weniger als 100 Extremitäten.

Unter den Leserzuschriften finden sich gefühlte tausend Anfragen zu "kleinen schwarzen Käfern“ in der Wohnung. Hier halte ich es mit dem britischen Physiologen und Philosophen John Haldane, der auf die Frage, was er aus dem Studium der Natur über Gott gelernt hätte, meinte: "Er hat eine ungewöhnliche Vorliebe für dunkle Käfer.“ Nein, zu metaphysisch für eine Kolumne, die sich den Prinzipien der Aufklärung verpflichtet fühlt.

Hier wird die humanistische Maxime hochgehalten: Natura maxime miranda in minimis - die Natur ist am wunderbarsten in den kleinen Dingen. Für romantische Naturverzückung gibt es noch keine Maßeinheit, aber einen Punkt gäbe es von mir für den Schrei der Möwe an einem Novembermorgen.

Tausend Punkte hingegen gibt es für den Gesang der Weinhähnchen-Bullen! Diese Blütengrille ist jetzt am Ende des Sommers in ganz Wien zu hören. Die Männchen stridulieren fast die ganze Nacht hindurch ihr wunderbares "Drü-Drü“. Diese harzigen Silben entstehen durch Aneinanderreiben der zu einem Schalltrichter aufgestellten zarten Vorderflügel. Diese Heuschrecken sind schwer zu verorten, fast wie bei Bauchrednern scheinen die Töne aus immer einer anderen Richtung zu kommen. Und dann entdeckt man sie plötzlich in einem Blumentopf. Tausend Takte Tanz!

iwaniewicz@falter.at

zeichnung: püribauer.com


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