Kunst Kritik

Die zarte Schönheit künstlichen Ungeziefers

LEXIKON | NS | aus FALTER 36/13 vom 04.09.2013

Mitten in Döbling eine orientalische Kuppel: Die Zacherlfabrik wurde im 19. Jahrhundert als Herstellungsort des Insektenpulvers Zacherlin errichtet. Heute finden in den ehemaligen Fabrikshallen Konzerte und jährlich eine Ausstellung statt, die der Jesuitenpater Gustav Schörghofer kuratiert. Die Künstler der aktuellen Schau gehen besonders auf den genius loci der Anlage ein.

Auf Reisen im Kaukasus entdeckte Fabriksgründer Johann Zacherl (1814-1888) die Schutzwirkung der dalmatinischen Insektenblume und begann daraufhin, diese nach Wien zu importieren. Carola Dertnig hat für ihre Bild-Ton-Installation die Tagebücher und Briefe von Anna Zacherl verarbeitet, die ihrem Mann einst ins exotische Tiflis nachreiste. Als Dias sind etwa alte Werbungen für das "persische Pulver" zu sehen, das in der ganzen Monarchie gefragt war. Dertnig ist sogar nach Tiflis gereist, um Spuren von Anna Zacherl zu suchen. Daraus ist eine Ton-Installation mit einer jungen Frau über das heutige Georgien entstanden, die im Garten auf einer Josef-Hoffmann-Bank angehört werden kann.

Mit filigranen Installationen aus Stangen, Kreisen und Glasplatten sowie einem "fliegenden" Teppich und Staubwedeln aus Straußenfedern reagiert Roland Kollnitz auf den Ort, dessen Patina schon starke Atmosphäre vermittelt. Holzrampen prägen einen Eingangsbereich der Fabrik. Diese gelungene räumliche Intervention von Heike Schäfer, die auch an die Transportwege in der einstigen Produktionsstätte erinnert, führt aber mit irritierenden Spiegeln ins Nichts. Wer den Blick hinauf zum Emporenraum der Halle hebt, findet dort ein dichtes Schwirren von weißen Tierchen, denen Zacherls Mottenpulver den Garaus machte. Elisabeth Altenburg hat die Insekten aus Stoff genäht -zauberhaftes Ungeziefer.

Zacherlfabrik, bis 30.9.


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