Wieder gelesen  Bücher, entstaubt

Die Logik unter der Oberfläche

Politik | aus FALTER 37/13 vom 11.09.2013

So wie man sich mit einer Impfung gegen eine Krankheit immunisieren kann, so kann man sich mit einem Buch vor Furcht und Sorgen schützen. Wer irgendwann den Roman "Dein Gesicht morgen“ von Javier Marias gelesen hat (vor allem den dritten Teil "Gift und Schatten und Abschied“), den wird der NSA-Skandal auf eigentümliche Weise relativ kalt lassen. Das Werk bietet einen Schlüssellochblick in eine Welt, in der der britische Geheimdienst Dossiers über potenziell wichtige Persönlichkeiten erstellt, um diese später erpressen zu können.

Der Protagonist des Buches, ein Geheimdienst-Newbie namens Deza, lernt bei seiner Arbeit einen tiefen Staat im Staate kennen, in dem Erpressung, Folter und Mord zum Alltag zählen. Die Frage, warum die Agenten so gewissenlos vorgehen, stellt sich für sie gar nicht mehr; die richtige Fragestellung lautet vielmehr: warum nicht? Mord sei in unserer Welt ohnehin allgegenwärtig, etwas ganz Normales, jeder könne zum Mörder werden.

Deza fühlt sich von dieser Logik des Bösen angezogen; er verfällt ihr zwar nicht, integriert sie aber nach seinem Berufsausstieg (durchaus erfolgreich) in sein Privatleben. Nach Lektüre dieses Buches wundert man sich nicht mehr über die NSA-Bespitzelungen, sondern über die Leute, die sich darüber wundern. Wolfgang Zwander

Javier Marias: Dein Gesicht morgen. Gift und Schatten und Abschied. Klett-Cotta, 726 S., € 23,99


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