Nixe im Karpfenteich: Eine Frau will Meer

Feuilleton | Theaterkritik: Wolfgang Kralicek | aus FALTER 37/13 vom 11.09.2013

Saisonstart im Akademietheater: Anna Bergmann inszeniert Henrik Ibsens Psychodrama "Die Frau vom Meer“

Ellida Wangel ist eine typische Ibsen-Frau: unglücklich wie Nora Helmer oder Hedda Gabler. Als Tochter eines Leuchtturmwärters an der Küste aufgewachsen, ist sie fjordaufwärts zum braven Landarzt Wangel gezogen. Dort fühlt die Frau vom Meer sich wohl wie ein Hochseefisch, den es in einen trüben Karpfenteich verschlagen hat. Ihre Sehnsucht wird personifiziert durch einen Seemann, mit dem sie sich einst verlobt hatte.

Das Drama spitzt sich zu, als der mysteriöse Mann vom Meer auf einmal bei Wangels im Garten steht. Und als Ellida sich am Ende zwischen den beiden Männern entscheiden soll, löst Ibsen den Konflikt überraschend auf: Wangel gibt sie frei. Und jetzt, da sie frei entscheiden kann, beschließt sie, bei ihrem Mann zu bleiben.

Dass Anna Bergmann der Vorlage in ihrer Inszenierung nicht eins zu eins folgen würde, zeigt schon ein Blick auf die Besetzungsliste: Der geheimnisvolle Fremde fehlt; der Seemann ist hier nur eine Projektion.

Die Inszenierung sieht radikaler aus, als sie ist. Die Bühne (Ben Baur) ist ein offener Raum, in dem ein leeres Aquarium das Meer symbolisiert. In diesem Setting erscheint vieles möglich; Bergmann erzählt dann aber doch recht brav das Stück nach und verliert sich in Details.

Christiane von Poelnitz spielt die Ellida als Nixe mit auffälligen Stimmungsschwankungen. Ferndiagnose: manisch-depressiv. Eine psychopathologische Studie ist das Drama schon bei Ibsen; bei Bergmann aber entscheidet sich Ellida am Ende nicht für ihren Mann, sondern für den Freitod.

Das ist konsequent gedacht und müsste eigentlich erschüttern. Hier aber ist es nur der letzte Regieeinfall eines auf unkonzentrierte Weise ambitionierten Abends.


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