Enthusiasmuskolumne  Diesmal: das beste Schallplattencover der Welt der Woche

Könnte empfindsame Gemüter schockieren

Feuilleton | Gerhard Stöger | aus FALTER 38/13 vom 18.09.2013

Zwei reifere Damen prosten einander in einer karg möblierten Altbauwohnung zu. Die eine sitzt auf einer schwarzen Ledercouch, die Augen geschlossen, die Beine überkreuzt. Die rechte Hand liegt am Hinterkopf, eine Zigarettenspitze in den Fingern. Die linke Hand streckt sie der anderen Frau entgegen, die am Boden sitzt, eine Perlenkette um den Hals.

Zwischen ihren Beinen lehnt ein Sektkorb, befüllt mit einer offensichtlich nicht mehr ganz vollen Flasche Henkel. Hinter ihr flimmert ein Fernseher, ihre Beine stecken in schwarzen Netzstrümpfen. Schuhe tragen die beiden Damen noch, mehr aber nicht. Sie feiern ihren fröhlichen Umtrunk splitterfasernackt, und sie haben noch eine dritte Freundin dabei, die allerdings erst zu sehen ist, wenn man das Cover der Schallplatte, dessen Foto dieses ungewöhnliche Motiv ziert, aufklappt. Sie ist ebenfalls nackt und gerade damit beschäftigt, sich die Lippen nachzuschminken, einen Taschenspiegel in der linken Hand.

Das sichtlich gut gelaunte Trio ist auf der Hülle von "Naked“ zu sehen, dem einzigen Album von Novaks Kapelle, der mythenumranktesten Wiener Rockband der Siebzigerjahre. 1978 beim Majorlabel Ariola erschienen, ist "Naked“ musikalisch zwar ein wenig zu unentschlossen zwischen Wildheit und dem Versuch der Virtuosität; das von Sabina Sarnitz fotografierte Cover aber ist das ärgste, markanteste und beste der österreichischen Popgeschichte.

"Achtung! Das Cover dieser Platte könnte eventuell empfindsame Gemüter schockieren, weswegen wir es abgedeckt haben. Wir bitten um Ihr Verständnis“, stand auf der roten Schutzhülle, mit der "Naked“ einst ausgeliefert wurde. 35 Jahre später hat das Wiener Label Cien Fuegos die Platte jetzt neu aufgelegt. Ohne Schutzumschlag, aber mit dem Original-Sektkränzchen.


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