Logbuch

Stattdessen gibt es eben Hirn mit Ei

Kolumnen | Doris Knecht | aus FALTER 38/13 vom 18.09.2013

15.9. Im Wald. Die Kinder sind mit, gegen ihren ausdrücklichen Willen und als Folge der üblichen, weil bewährtesten pädagogischen Mittel: Erpressung und Bestechung. (An dieser Stelle längst fälliger posthumer Dank: Vergelt’s Gott für das iPad, Herr Jobs.) Gegen ihren Willen aber gefällt es ihnen, sie zischen leuchtend zwischen den Stämmen herum und jagen Schwammerln. Hier! Und hier auch! Sonne, die zwischen die Wipfel fällt und auf dem grünen Moos landet, Vögel, die zurückpfeifen, weicher, raschelnder Waldboden, der Geruch von feuchter, warmer Erde, es ist sehr schön.

Natürlich landen später, nach der Konsultation diverser Internet-Pilzforen, von dem Korb voller Schwammerln drei Viertel auf dem Kompost. Wir sind halt keine Schwammerlmenschen; erstens kennen wir im Prinzip nur Steinpilze, Parasole, Boviste, ein paar Röhrlinge und Eierschwammerln, weil der Lange das Kindheitstrauma mit dem schwammerlnarrischen Vater nicht rechtzeitig verarbeitet hat. Zweitens lehnt eins der Mimis alles Pilzförmige ab. Drittens stehen wir immer zu spät auf, wenn die Fressis unter den Mykologen schon alle guten Pilze abgesägt haben.

Zum Beispiel der Horwath, der an diesen Tagen schon im Morgengrauen zu seiner Geheimstelle pirscht, die Nase in den Wald hält und, wenn es schwammerlt, Frau und Kind aus dem verdienten Wochenendschlaf rüttelt, aus den Betten scheucht, mit großen Körben behängt und im Wald aussetzt, mit streng auf den Boden zu heftenden Blicken. Ausschwärmen!

Wenn wir uns dann nach langen Diskussionen in den Wald aufmachen, haben der Horwath und die anderen Horwathartigen daheim längst die über und über mit riesigen Herrenpilzen gefüllten Körbe vor idyllisch abgefuckten Holzverschalungen fotografiert, auf Facebook ausgestellt und die neidischen Kommentare ihrer Freunde mit Grandezza entgegengenommen, und wir finden dann nur noch das, was sie übriggelassen haben. Also alles, was im Pilzführer als giftig, nicht essbar und völlig geschmacklos angeführt ist. Bzw. die prachtvollen Körbe, die sie so auf ihren Veranden parken, dass erschöpfte Wanderer, wenn sie später den Nachbarn besuchen, unweigerlich darüberfallen. Ach, das ist gar nichts, das ist nur das, was ich so schnell im Vorbeigehen eingesammelt habe: der Horwath.

Selbstverständlich überlässt er uns selbstlos einen Teil seiner Beute, er weiß ohnehin nicht, wohin mit dem ganzen Geschwammerl. Selbstverständlich lehnt der Lange das ab, denn er hat einen Stolz. Mir wär’s lieber, er hätte keinen, dann hätte ich Herrenpilzgulasch. Stattdessen gibt es, eh auch gut, Hirn mit Ei, Veggie-Style, denn zum Glück haben der Lange und die Mimis im Wald zwei Krause Glucken erlegt, mit denen der Lange dann auf Facebook posiert. Es ist doch schön, wenn man seine Erfolgserlebnisse mit anderen teilen darf. Ich hab die Kinder in den Wald gekriegt, aber das interessiert wieder keine Sau.


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