Tiere

Hassprediger

Falters Zoo | aus FALTER 38/13 vom 18.09.2013

Hässlich, ich bin so hässlich, so grässlich hässlich, ich bin der Hass!“ Diesen Hit der 1980er-Jahre sangen wohl die Mitglieder der Ugly Animal Preservation Society, als sie jüngst das hässlichste Tier der Welt kürten. "Sieger“ wurde Psychrolutes marcidus, ein südwestpazifischer Tiefseefisch, der "Blobfish“ (engl.: blob, dt.: Klecks, Tropfen) genannt wird. Bloß warum? Weil kuschelige Tiere wie der Panda zu viel Aufmerksamkeit bekommen, meinte der Vereinspräsident Simon Watts, bei dem man - politisch korrekt formuliert - von einer ästhetisch eher unterfordernden Erscheinung sprechen kann.

Die in den Medien gezeigten Fotos des Fisches erinnern an einen kahlköpfigen, alten Mann mit herunterhängenden Mundwinkeln. Aber wenn man gerade von einem Schleppnetz in sehr kurzer Zeit aus circa 1200 Metern Tiefe an die Wasseroberfläche geholt wurde, dann darf man schon mal etwas durchhängen.

Hässlichkeit wird immer dann anderen Menschen, Tieren, Objekten zugeschrieben, wenn diese von der kollektiv oder individuell angestrebten Norm abweichen. Was gab es am Blobfish gemessen am Ideal eines Tiefseefisches zu bemängeln? Eigentlich ist die Anpassung dieser Tiere an ihren grimmigen Lebensraum sogar von besonderer Schönheit: Ihr Körper besitzt wenig Muskeln und hat fast die Dichte des umgebenden Wassers, wodurch sie grazil wie Balletttänzerinnen über den schlammigen Untergrund schweben können. Das sonst übliche Organ, mit dem Fische im Wasser ohne Bewegung "stehen“ können, ist eine luftgefüllte Schwimmblase. Doch diese würde von dem in diesen Tiefen herrschenden Druck auf Stecknadelgröße zusammengepresst werden und wäre daher sinnlos.

Der Philosoph Nelson Goodman prägte den Begriff vom Paradox der Hässlichkeit. Manches, was nach üblichen ästhetischen Maßstäben als "unschön“ empfunden werden müsste, kann durchaus einen positiven ästhetischen Reiz ausüben. Wenn das Schöne jedoch das Hässliche ausschließt, dann ist Schönheit kein Maßstab für den ästhetischen Wert. Wenn aber das Schöne hässlich sein kann, dann wird Schönheit nur zu einem anderen und irreführenden Wort für ästhetischen Wert.

In ihren abyssalen Abgründen sehen die Fische so fesch aus, wie es sich für Dickkopfgroppen (der zoologische Familienbegriff) gehört. Und wer außer ihren jeweiligen Sexualpartnern sollte sinnvollerweise ihre Attraktivität bewerten?

iwaniewicz@falter.at

zeichnung: püribauer.com


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