"Ich liebe die Lederhose"

Wieder da oder nie weg? Austropop-Barde Wilfried durchmisst in der Szene Wien sein Werk

Lexikon | Interview: Gerhard Stöger | aus FALTER 38/13 vom 18.09.2013

Wilfried Scheutz ist der facettenreichste Musiker der klassischen Austropopgeneration. Der als "Rockvieh" bekannte Sänger, 1950 in Bad Goisern geboren, einte Rock schon Anfang der Siebziger mit Volksmusik, er streifte Punk und Disco ebenso wie Blues und Jazz, gehörte der ersten Besetzung der EAV an, trat 1988 beim Songcontest auf (null Punkte) und sang jahrelang in einer A-cappella-Gruppe. Ende 2012 meldete er sich mit der CD "Tralalala" als Solokünstler zurück; in der Szene Wien präsentiert Scheutz jetzt ein neues Livealbum.

Falter: Herr Scheutz, wie lebt es sich als Legende?

Wilfried Scheutz: Ich weiß, dass ich manchmal so genannt werde. Wer sich selbst so fühlt, ist allerdings ein Trottel. Aber ich habe schon viel gemacht, und ich will damit auch nicht aufhören. Es hilft alles nichts: Ich brenne, ich bin ein Künstler.

Und finanziell, wie lebt es sich da?

Scheutz: Ich muss ununterbrochen hackeln, dann geht es sich irgendwie aus. In Pension könnte ich nicht gehen, aber ich kann mir eh nicht vorstellen, mit der Musik je aufzuhören. Irgendein Blödsinn fällt mir immer ein.

Wie ist die Musik in Ihr Leben getreten?

Scheutz: Lange vor den Beatles schon durch mein Elternhaus. Ich bin in einem Wirtshaus aufgewachsen, und meine Mutter hat den ganzen Tag gesungen beim Kochen. Zu Hause wurde auch immer musiziert, mein Großvater war Tanzgeiger und Dirigent im Kirchenchor.

Also war es für Sie logisch, Rock und Volksmusik zu verbinden?

Scheutz: Genau. In Frankreich und England gab es Folkbands, bei den Amerikanern war Rock sowieso immer von Country beeinflusst. Warum machen wir das nicht, habe ich mich gefragt, ein leidenschaftlicher Gstanzelsänger war ich ja immer schon.

Sie haben vorweggenommen, womit Hubert von Goisern Jahre später große Erfolge feiern sollte.

Scheutz: Ja, nur mit einem Unterschied: Bei ihm und stilistisch verwandten Gruppen galt das plötzlich als genial, ich hingegen musste es damals im Alleingang durchstehen, dass die Wiener Journalisten den Unterschied zwischen echter Volksmusik und schlechter volkstümlicher Musik nicht erkannten. Sie glauben ja noch heute, einen Nazi zu sehen, sobald jemand eine Lederhose trägt. Ich bin in der Lederhose aufgewachsen, ich liebe die Lederhose, und wenn die Grünen in Goisern eine Sitzung haben, kommen sie auch in der Lederhose.

Woher kommt die stilistische Vielfalt in Ihrem Werk?

Scheutz: Ich war immer ein Ganzheitsdenker, mit allen Vor- und Nachteilen. Sehe ich ein Theaterstück, muss ich an Free Jazz denken, höre ich Free Jazz, muss ich an Fußball denken. Für mich ist das alles eines, und deshalb habe ich mich auch immer auf neue Dinge eingelassen. Das ging bis zum Punk. Diese Rauheit und Energie haben mich damals umgehauen, obwohl ich schon Ende zwanzig war. Gleichzeitig fand ich, dass Abba geniale Songschreiber sind, was zu großen Streitereien im Freundeskreis führte. Aber Abba hatten einfach viel bessere und musikalisch reichhaltigere Lieder als etwa Pink Floyd.

Was war der Höhepunkt Ihrer Karriere?

Scheutz: Am schönsten war die Phase, als ich auch in Deutschland wahrgenommen wurde. Nicht weil der Markt im Verkaufssinn größer gewesen wäre, sondern weil ich plötzlich für mehr Menschen spielen konnte. Ich habe Grenzen generell immer negiert. Grenzen, das ist etwas, das besoffene Politiker um drei Uhr in der Früh auf eine Serviette zeichnen. Mein Geburtsort Goisern ist so bayrisch, wie Passau österreichisch ist. Das ist eine Musik, eine Küche, ein Dialekt. Ähnliches gilt für die Steiermark und Slowenien, die Heimat meiner Frau. Die Sprachen sind da zwar unterschiedlich, aber zumindest ihr Sound ist verwandt.

Woran ist Ihre Karriere in Deutschland gescheitert?

Scheutz: Daran, dass ich zu holzköpfig bin. So formulierte es die Plattenfirma, weil ich ihren Plänen widersprochen habe. Aber ich hätte der Karriere nie mein seelisches Wohlbefinden untergeordnet.

Was ärgert Sie in der Rückschau am meisten?

Scheutz: Schon die Songcontest-Geschichte, weil für viele Leute nur das von mir bleibt.

Mögen Sie die Bezeichnung als "Rockvieh"?

Scheutz: Die passt schon, denn ich war ja auch ein Vieh. Und ich bin es noch, aber der Körper verändert sich mit den Jahren halt - und zwar ordentlich.

Szene Wien, Do 20.00


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