Kritik der Urteilskraft

Als Kritiker bediente Marcel Reich-Ranicki die Defizite des Publikums, als Homo politicus war er wunderbar

Feuilleton | Nachruf per Anruf: Franz Schuh | aus FALTER 39/13 vom 25.09.2013

Entgegen den gewiss klugen, aber von Sentimentalität und Unterwürfigkeit geprägten Reminiszenzen an Marcel Reich-Ranicki, die man jetzt überall hören und lesen kann, sollte man dessen Rolle soziologisch betrachten. Aus dieser Sicht ist zunächst auffällig, dass MRR einer der Letzten war, der als Person "die" Literaturkritik verkörpern konnte -so wie Thomas Bernhard zur selben Zeit "die" Literatur verkörperte.

Alles, was MMR in seiner Autobiografie über sein Überleben schreibt, teilt sich dem Leser in unmittelbarer Wahrhaftigkeit mit, und darin kommt auch eine tiefe Menschlichkeit zum Ausdruck. Wohingegen das, was er über den Literaturbetrieb erzählt, eher an ein Kloster erinnert, in dem die Mönche ständig aneinander anrennen und immer nur über dasselbe Personal reden und, nun ja, nachdenken.

MRR kam historisch aus dem Nichts, wenn man unter "Nichts" auch die kommunistische und jene Zeit versteht, in der er für den polnischen Geheimdienst tätig war. "Nichts" meint, dass es


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