Die dunkle Vergangenheit

Tragischer kann man kaum in eine neue Saison gehen. "Thalerhof" hat diese Woche Uraufführung im Schauspielhaus

Lexikon | Tiz Schaffer | aus FALTER 39/13 vom 25.09.2013

Auf dem Grazer Flughafen "Thalerhof" hob 1914 das erste Flugzeug ab. Schon im gleichen Jahr entstand das k.u.k. Interniertenlager Thalerhof. Dort starben in den Jahren darauf fast 2000 Menschen. Vor allem Ukrainer, aber auch Angehörige anderer Volksgruppen wie etwa Polen oder Juden. Es waren Deportierte aus dem Osten der Monarchie, dem k.u.k.-Grenzgebiet. Österreichische Staatsbürger, die man nach dem Beginn des Ersten Weltkriegs der sogenannten "Russophilie" verdächtigte, also der Sympathie mit den Russen.

Tausende wurden in Güterwagen deportiert und hier in Baracken interniert. Die hygienischen Zustände waren katastrophal, die Insassen wurden durch Seuchen dahingerafft. Zudem pilgerten tausende Steirer anfänglich dorthin, nicht nur aus Neugierde, sondern auch aus Hass auf die "Russophilen". Erst 2007 gedachte das Bundesheer erstmals der Verstorbenen, 2010 wurde eine Gedenktafel enthüllt.

Andrzej Stasiuk ist einer der bekanntesten polnischen Autoren der Gegenwart ("Die Mauern von Hebron","Die Welt hinter Dukla"). Er wurde 1960 in Warschau geboren, regelmäßig bereiste er ehemalige kommunistischen Länder, um Orte und Menschen, die postkommunistische Tristesse für seine oft dokumentarische Prosa einer tiefergehenden Betrachtung zu unterziehen. Ohne dabei auf seinen eigenwilligen Humor zu verzichten.

Für das Stück "Thalerhof" hat das Schauspielhaus also einen Autor beauftragt, dessen Landsleute damals deportiert wurden. Stasiuk lässt die "Toten den Lebenden ihre Geschichten erzählen", er spannt einen "Bogen vom 1. Weltkrieg nach heute", schlägt eine "Brücke vom Rand Galiziens bis nach Graz." Er hat also den Geistern jener Menschen gelauscht, die man einst wegbrachte, um sie, wie er meint, "ohne Gerichtsurteil in ein Deportationslager in der schönen Stadt Graz zu sperren." Regie führt Schauspielhaus-Chefin Anna Badora, es spielen unter anderem Laurenz Laufenberg, Kaspar Locher und Jan Thümer.

Schauspielhaus Graz, Fr 19.30


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