Fragen Sie Frau Andrea

Großes Aua! Wunden durch Papier

Andrea Maria Dusl beantwortet knifflige Fragen der Leserschaft

Kolumnen | aus FALTER 39/13 vom 25.09.2013

Liebe Frau Andrea,

sicher kennen Sie das ungute Gefühl, sich an so was Lächerlichem wie einem Blatt Papier zu schneiden. Aber nicht genug damit, die Papierwunden tun auch noch höllisch weh! Mehr jedenfalls als Schnittwunden mit dem Messer. Wieso eigentlich?

Liebe Grüße,

Bärbl Fröhlich-Nowak, Neubau

Liebe Bärbl,

wir alle kennen die schrecklichen Momente, in denen harmloses Kopierpapier oder freundliche Buchseiten in samuraischwertscharfer Weise unsere Fingerballen und die Flanken und Rücken unserer Finger zerteilen. (Ein verwandtes Selbstbeschädigungsmuster tritt beim Ablecken von gummierten Kuvertlaschen auf.) Es sind rasche, unbedachte, tangentiale Bewegungen, die zum Schnitt an einer Papierkante führen - in den Momenten der Pein, die nun folgen, sind uns die Bewegungsmuster allzu bewusst.

Warum aber schmerzen diese meist kleinen und oberflächlichen Wunden so sehr? Unsere Fingerballen sind ein Kompromiss aus hoher Sensibilität und maximaler Festigkeit. Die Ausrichtung von Kollagenfasern in der Fingerballenhaut bietet relativ wenig Schutz vor starken Scherkräften. Ein Blatt Papier mag uns weich und biegsam erscheinen, durch seine Dünnheit kann es aber hohen Druck auf kleinste Fläche ausüben, ausreichend jedenfalls, um die Schärfe von Rasierklingen zu entwickeln. Während Metallklingen meist tief in das Gewebe eindringen und glatte Wundränder erzeugen, zerreißt Papier die Haut eher, als dass es sie zerschnitte. Papierkanten dringen auch weniger tief ein, Nerven und Schmerzrezeptoren werden eher angerissen als glatt durchschnitten. Durch die fehlende Tiefe blutet eine Papierschnittwunde zudem wenig oder gar nicht, die mit Blutung verbundene Ausspülung der mikroskopisch verschmutzten Wunde findet kaum statt, die vom Blut induzierten Wundheilungsprozesse setzen nicht oder nur sehr langsam ein. Okeydokey, es ist passiert, es tut mörder weh, was tun? Eine fabelhafte Idee wäre, die Wunde durch Druck auf das umgebende Gewebe zum Bluten zu bringen. Ein Tropfen Betaisodona und ein kleines Pflaster sollten genug desinfikatorischen und mechanischen Schutz für ein angenehmes Weiterleben nach dem schändlichen Schnitt bieten. Und ja - Vorsicht ist die Mutter des Kopierpapierstoßes!


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