Kunst Kritik

Kein Drama: Die mit rohen Eiern balancieren

Lexikon | NS | aus FALTER 39/13 vom 25.09.2013

Immer, wenn man glaubt, in der Secession schon jede Art "ortsspezifischer" Intervention gesehen zu haben, gibt es doch wieder eine Überraschung. Eine solche gelingt der Künstlerin Ulla von Brandenburg aktuell mit einer steilen Bühnenkonstruktion. Zu steil, befand das Magistrat und verordnete sofort ein Geländer zum Festhalten. Beim Betreten des Saals dominiert zunächst ein großer, halb geöffneter Vorhang in Rot. Wie ein Lockruf erklingt dahinter der verzauberte Gesang aus Brandenburgs Film "Die Straße". Zunächst gilt es aber die Bretterstufen emporzuklimmen, hinauf zu einer schmalen Plattform, von der aus man die Decke der Ausstellungshalle berühren kann.

Brandenburgs Film führt in ein Reich der rätselhaften Rituale und Gaukeleien. Das schlichte Set steht im Freien und braucht nicht mehr als ein paar Stellwände. Der Betrachter ist dort so fremd wie der dunkelhaarige Mann, der in eine ungewöhnliche Umgebung kommt. Die "Einheimischen" balancieren Eier, spielen Zither oder binden Figuren aus Stroh.

Zusätzliche Stilisierung bewirkt der weibliche Gesang, der auch aus den Mündern der Männer erklingt. Für diesen inszenierten Traum braucht Brandenburg keinen Schnitt, sondern nur eine einzige lange Kamerafahrt. Fastnachtsbräuche hätten sie inspiriert, erzählte die 1974 geborene Künstlerin beim Pressetermin. Den poetischen Liedtext, der auch Kinderreime zitiert, hat sie selbst verfasst.

Brandenburg spielt mit dem Mitteln des Theaters, um unsere gesellschaftlichen Rituale zu hinterfragen. Fremdheit erscheint bei ihr aber nicht als Drama, sondern als Chance. Und so wird der Ausschluss am Ende des Films vom Eindringling mit einem Lächeln angenommen. Secession, bis 10.11.


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