Kunst Kritik

Wenn Pinselstriche zu Prankenhieben werden

Lexikon | NS | aus FALTER 39/13 vom 25.09.2013

Das Licht Südfrankreichs strahlt derzeit in der Albertina. Mit der Schau "Matisse und die Fauves" widmet sich das Museum erstmals in Österreich einer kurzlebigen Kunstrichtung, die 1905 mit Paukenschlag bekannt wurde, aber nur drei Jahre währte. Als "Raubtierkäfig" wurde jener Raum beim großen Pariser Salon d'Automne 1905 bezeichnet, in dem Henri Matisse, André Derain und andere ausstellten. Kein gemeinsames Manifest oder Programm verband die Künstler, aber sie alle suchten nach Wegen aus der Erstarrung von Akademismus und des in die Jahre gekommenen Impressionismus. Zumindest kurze Zeit gelangten sie dabei zu vergleichbaren Ergebnissen.

Die Schau setzt leise ein, führt dann aber schnell zu den satten Farbkontrasten und groben Pinselstrichen, die Kritiker und Publikum einst so irritierten. Matisses damaliges Aufregerbild "Dame mit Hut" fehlt zwar unter den Leihgaben, aber es ist dennoch eindrucksvoll, welche Spitzenwerke dort auf violetten Wänden hängen. Was heute beschaulich anmutet, etwa Matisses "Landschaft bei Collioure", war in seiner flächigen Malweise ein Angriff auf die damaligen Geschmacksnerven. Der abstrahierte, flüchtige Umgang mit Perspektive war aber kein spontanes Ergebnis, sondern sorgfältig geplant. Richtete sich der Ehrgeiz anfänglich eher auf Landschaften, so holte Matisse bald auch Figuren herein. Neben gewagten Akten zeigt die Schau auch seine Bronzen. Derain setzte mit seinem London-Zyklus einen Kontrapunkt zu Monets nebligen Ansichten der Themse. Spannend auch das Interesse der Fauves an afrikanischer und ozeanischer Kunst, die Derain zu einem geschnitzten Bett inspirierte. Rouaults traurige Clowns und die Frauenporträts von Kees van Dongen schlagen am Ausstellungsende melancholische Töne an.

Albertina, bis 12.1.


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