Kommentar

Die Kinder vom Karlsplatz: Das Ende eines elenden Mythos

Urbanität

Falter & Meinung | Matthias Dusini | aus FALTER 39/13 vom 25.09.2013

So a Schand!" Das war das Urteil der meisten Wiener, die in den letzten Jahrzehnten den Verkehrsknoten Karlsplatz passierten (siehe auch S. 37). Rund 200.000 Menschen steigen hier täglich um oder laufen in Richtung Kärntner Straße. Ganz untypisch für die sonst so herausgeputzte Hauptstadt ging es hier ziemlich slummig zu.

Da ein Billigshop, dort der finstere Eingang zu einer Disco, dazwischen Bettler. Auf den Toiletten trieben sich Stricher und Dealer herum. In der Unterwelt des Karlsplatzes war alles versammelt, was in den Tourismusprospekten ausgespart wurde: die Drogenszene und das soziale Elend.

Eine Woche vor den Nationalratswahlen eröffnete Bürgermeister Michael Häupl die frisch herausgeputzte Kulturpassage Karlsplatz. Wird dadurch die Kehrseite der Stadt aus dem Zentrum an den Rand verdrängt?

Wird die Stadt noch mehr den Interessen des Handels und des Tourismus untergeordnet, wie das etwa im New Yorker Stadtteil Manhattan in den 1990er-Jahren passierte?

Auch wenn man kaltes Neonlicht lieber mag als schicke LED-Leuchtdioden: Gegenüber dem Bahnhof Zoo Wiens sentimentale Gefühle zu entwickeln wäre zynisch, eine Ästhetisierung des durch Armut und Sucht hervorgerufenen Leidens. Die Stadt agierte vernünftig: Für Obdachlose und Junkies wurden Quartiere geschaffen, sodass sie sich nun nicht mehr in die Karlsplatzgänge flüchten müssen.

Die involvierten Künstler machten bei der Kulturalisierung des sozialen Brennpunkts bereitwillig mit. Kritik und Widerstand sind meist Kennzeichen der Kunst im öffentlichen Raum. Hier kehrt sie zu einer bescheidenen Qualität zurück, der Verschönerung.


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