"La Maison de la radio": Was tun, wenn Justin Bieber kommt?

Feuilleton | Michael Omasta | aus FALTER 39/13 vom 25.09.2013

Justin Bieber kommt. Um solch eine Nachricht können sich nicht einmal Qualitätsmedien drücken. Die zur Redaktionskonferenz versammelten Radiomacher wirken ratlos. "Na ja, was man tun könnte", fasst einer sich dann ein Herz, "man könnte das Phänomen Justin Bieber erklären." Unterdrücktes Gähnen. "Nehmen wir Kids?", fragt ein anderer, "oder den Soziologen?" "Fein", meint ein dritter, "aber bitte einen linken Soziologen!"

Mit seinem neuen Werk erweist sich Nicolas Philibert als die Pointenschleuder unter den europäischen Dokumentarfilmern. "La Maison de la radio" ist weniger das Porträt einer Institution als vielmehr ein Mosaik der Mitarbeiter(innen) und ihrer Tätigkeitsfelder. Die junge blinde Nachrichtensprecherin liest ihren Text mit den Händen ab. Dem unermüdlichen Redakteur für klassische Musik stehen die CDs in seinem Kammerl buchstäblich bis zum Hals. Zwei altgediente Sportreporter berichten von einem Motorrad aus live von der Tour de France.

Philibert setzt hier stärker als in seinen vorangegangenen Filmen auch auf Skurriles. Einmal begleiten wir die Redakteurin von "Eine Minute Einsamkeit" bei der Arbeit, bis sie für ihre Sendereihe einen Philosophen vor dem Mikrofon hat, der eine Minute lang Erdäpfel schält - und erklärt, es handle sich dabei um einen Tribut an einen Tontechniker, der seine Kartoffeln beim Wachsen aufgenommen habe.

Das schönste, weil ganz sich selbst genügende Bild indes bleibt das eines Korridors: Vor jeder der zig Studiotüren ist ein Regenschirm zum Trocknen aufgespannt. Jacques Demy lässt grüßen!

Ab 27.9. im Stadtkino im Künstlerhaus (OmU)


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