Enthusiasmuskolumne  Diesmal: bester Johann-Sebastian-Spieler der Welt der Woche

Ein Bachpianist ist zu entdecken

Feuilleton | Armin Thurnher | aus FALTER 40/13 vom 02.10.2013

Das Licht fokussiert auf den Steinway, davor ein Sessel, kein Klavierhocker. Ein schlaksiger, sehr hübscher junger Mann mit längeren schwarzen Haaren nimmt Platz und beginnt zu spielen, beugt sich vornüber, seine Haare fallen fast auf die Tastatur. Dann wirft er den Kopf zurück. Das Publikum ist so still, dass man das Knarzen der Schuhe des Pianisten hört, die in einem fort beide Pedale bedienen; wenn er den Fuß vom rechten Pedal nimmt, kickt er das Bein zurück wie ein bockendes Pferd.

Der französische Pianist David Fray, 31, spielt Bach. Das alles könnte auf einen Kult von Äußerlichkeiten hinweisen. Manche verehren Pianisten ihrer Exzentrik wegen, den singenden Glenn Gould, den grimassierenden Alfred Brendel, den zirkusreif gestikulierenden Lang Lang, den zusammengekauerten Grigori Sokolov. Pardon für die Nennung dieser Namen in einem Atemzug, es geht hier nur um die Fixierung auf Äußerlichkeiten.

Fray jedoch geht es um die Musik. Um keinen Preis dürfe sie zu einer "mechanischen Übung“ verkommen, meinte er im Presse-Interview mit Walter Dobner. Er wolle kein Perfektionspianist sein, sondern einer, der musiziert und riskiert. Technisch perfekt ist er natürlich trotzdem, aber das Streben nach Perfektion tritt hinter jenes nach Ausdruck zurück.

Gewiss, Fray sucht die Grenze zur Manieriertheit, hält aber kurz davor inne: Das ist dann Manier, die Art, etwas zu machen. Ein weicher schwebender Ton, ein gehauchtes Pianissimo, ausgefeilte Pedalisierung bis in die Vollen, aber immer klar, dazu eine entschlossene Attacke, die nie den Charakter des Gesanglichen verlässt. Minoritenkirche Krems, ein Samstag im September, ein Konzert im Rahmen der Globart-Akademie. So stimmig, so kantabel war Bach schon lange nicht zu hören.


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