Selbstversuch

Ich wollte diese Stelle ja eh auslassen

Kolumnen | Doris Knecht  
 | aus FALTER 40/13 vom 02.10.2013

Jetzt tun alle wahnsinnig schockiert über das Wahlergebnis. Dabei ist es eh wie immer. Es sind immer 30 Prozent, es werden immer 30 Prozent bleiben. Diese 30 Prozent sind immun gegen Politik, sie wählen nach Gefühl. Die Grünen hätten’s eh probiert, kuschelige Tiere, süße Kinder, und wissen jetzt: Schafe funktionieren nicht so gut. Sonst alles ungefähr wie immer, plus ein paar Neos. Aber es wird wieder rot-schwarz regiert, und es werden wieder Wahlversprechen gebrochen werden. Nothing to write home about.

Apropos Versprechenbrechen. Großes Gezeter, weil dem Kind Pizzaessengehen versprochen worden ist, und nun. Nein, stimmt nicht einmal: Es wurde gar nichts versprochen, das Kind hat gesagt, wir gehen Pizza essen, und die Erziehungsberechtigten haben etwas gesagt wie schaumamal, und für das Kind hieß das: versprochen.

Ich habe eine Freundin, die findet, wenn man einem Kind etwas in Aussicht stellt, muss es passieren, fix, komme, was wolle, und wenn dafür zehn Leute ihre Pläne ändern müssen. Versprochen ist versprochen! Und im Prinzip finde ich das auch, aber wenn es nicht geht, dann geht es eben nicht. Das Leben ist voller Enttäuschungen. Manchmal regnet es. Und je früher ein Kind lernt, dass davon die Welt nicht untergeht, je eher es Strategien entwickelt, mit derlei umzugehen, desto besser. Das wird noch oft passieren. So ist es auf der Welt. Und vor allem ist es ja nicht so, dass das Leben dieser Kinder und fast aller Kinder, die ich kenne, entbehrungsreich wäre.

Das Kind, das jetzt pizzabedingt mit Türen scheppert, dieses Kind hat letzte Woche ein eigenes Zimmer bekommen und vorletzte Woche ein neues Smartphone. Das andere Kind auch. Am Mittwoch waren wir mittagessen. Und am Sonntag bin ich entgegen meiner innersten Überzeugung, dass der Mensch am Boden am stabilsten aufgehoben ist, drei Stunden lang mit ihnen in einem Hochseilgarten an dünnen Seilen gehangen, einmal so final, dass man mich herunterholen musste, weil ich nicht mehr weiterkam. Und zwar weil das Kind an jener Stelle im Powerparcours, die ich wegen der erforderlichen "hohen Körperspannung“ eh auslassen wollte, "feig, feig, feig“ gesagt hat … Egal.

Diesem Kind jedenfalls geht es nicht schlecht, und auch wenn einmal ein Versprechen gebrochen wird, bleibt es immer noch ein außerordentlich privilegiertes Kind mit einer weitgehend unzerkratzten Seele, und es gibt wenig Grund für schlechtes Gewissen. Unseren Kindern geht es gut. Sie haben mehr, als sie brauchen. Sie sind verwöhnt. Darf man zu einem Kind Nein sagen? Darf man vor Kindern streiten? Kann ein Versprechen auch einmal gebrochen werden? Ich glaube: ja, solange das Kind weiß und hört und spürt, dass ich es liebe, und zwar so sehr, dass es sich auch in zehn oder 20 Jahren im Beisein seiner Therapeutin noch daran erinnert. Das wäre mir wichtig. Pizza essen gehen wir dann nächste Woche. Vielleicht.

Doris Knecht hat jetzt doch kein schlechtes Gewissen


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