Film Neu im Kino

"Camille": Auf der Suche nach der verlorenen Zeit

Lexikon | Gerhard Midding | aus FALTER 40/13 vom 02.10.2013

Unter den Hunderten von Filmen über Zeitreisen findet sich nicht einmal eine Handvoll mit weiblichen Hauptfiguren. Weshalb zögern Filmemacher, Frauen auf solche Expeditionen zu schicken? Unterstellen sie ihnen einen Mangel an Neugierde, Fantasie, Tatkraft oder Verspieltheit? Noémie Lvovskys neuer Film "Camille - verliebt nochmal!" ist mithin eine so überfällige wie beherzte Pioniertat; auch wenn er nonchalant die Grundidee aus Coppolas "Peggy Sue hat geheiratet" abkupfert. Lvosky selbst spielt Camille, die Mitte 40, eine prekär beschäftigte Schauspielerin und frisch geschieden ist und in einer Silvesternacht in ihre Teenagerzeit zurückexpediert wird.

Dieses hübsche Meisterwerk der Unternehmungslust hält sich nicht lange mit den zu erwartenden Verwicklungen auf; auch der Spott über die Modetorheiten der 1980er hält sich in Grenzen. Vielmehr schürft die Regisseurin gewitzt nach den emotionalen Tiefenschichten, die sich offenbaren, wenn man die Weichen der eigenen Biografie neu stellen könnte. Das Erste, das Camille in der wiedergefundenen Jugend in den Sinn kommt, ist, die Stimme ihrer Mutter (zauberhaft: Yolande Moreau) mit dem Kassettenrecorder aufzunehmen, deren Timbre von Geborgenheit und Zuversicht sie als Erwachsene so sehr vermisste. Erfreulicherweise spielt Lvovsky auch Camilles jugendliches Ich, das nun eine reifere Beziehung zu ihren Eltern unterhalten kann und darüber hinaus die Schulfreundinnen mit ihrem Wissensvorsprung in Liebesdingen beeindrucken kann. Noch ein zweites sentimentales Mandat hat sie in ihrer Vergangenheit zu erfüllen: Um jeden Preis will sie die Anbahnung der Liebe zu ihrem späteren Mann (Samir Guesmi) verhindern. Wird sie das Schicksal überlisten könne?

Ab Fr in den Kinos (OmU im Filmcasino)


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