Live: die Urenkelin eines Heiligen. Überwältigte Vergangenheit am Schauspielhaus

Steiermark | THEATERK RI TI K: HERMANN GÖTZ | aus FALTER 40/13 vom 02.10.2013

Ein Erzählband des polnischen Autors Andrzej Stasiuk heißt "Galizische Geschichten". Es ist eine Sammlung dichter, farbenprächtiger Schilderungen vom scheinbar hintersten Winkel der Welt. Der Poet liebt seine Heimat mitsamt ihren Soldatenfriedhöfen, ihren Helden und Antihelden.

Dorthin führt auch "Thalerhof"(bis 9.11.), das Auftragswerk der Schauspielhaus-Chefin Anna Badora für ihren prominenten Landsmann. Zugrunde liegt diesem ein mittelgroßer Skandal in der heimischen Geschichtsaufarbeitung: Dass in Thalerhof einst ein mörderisches Internierungslager stand, wo man zu Beginn des Ersten Weltkriegs rund 30.000 mit Viehwagons dorthin gebrachte Ruthenen zusammenpferchte (ein Massengrab erzählt von 1.700 Typhusopfern), wurde hierzulande erst 2005 durch einen Falter-Artikel Herwig Höllers bekannt. Im Stück lässt Stasiuk Soldaten aus ihren galizischen Gräbern kriechen, um am Flughafen Thalerhof aufzumarschieren (wo rechte Klischeeösterreicher sie dann für Gastarbeiter halten).

Der Text erzählt zudem vom orthodoxen Märtyrer Maxym Sandowicz, dessen Urenkelin tatsächlich zum Casting für eine Kinderrolle erschien und im Schauspielhaus nun ihren großen Auftritt hat. Auch das macht "Thalerhof" zu einem Ereignis. Künstlerisch sollte man sich allerdings nicht zu viel erwarten. Unentschlossen laviert der Text zwischen Geschichtsnachhilfe, Ruthenenromantik und Politklischees, die Regie verstärkt das mittels Maximalpathos. Wer also einfach das Theatererlebnis sucht, schaue lieber zum steirischen herbst, wer an Andrzej Stasiuk interessiert ist, lese seine "Galizischen Geschichten".


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