Tiere

Po-8

Falters Zoo | aus FALTER 41/13 vom 09.10.2013

Kaum fällt falbes Laub von nebelnassen Bäumen, erwacht das Herbstgedicht. Alle großen Dichter von Rainer Maria Rilke bis Hermann Hesse haben sich daran versucht, und man kann durchaus mutmaßen, dass Herbstgedichte am Anfang aller Literatur standen. Manche Poeten, wie Georg Trakl, fokussieren bei ihren Betrachtungen vor allem auf den Verfall des Lebens und die kommende Dunkelheit: "Indes wie blasser Kinder Todesreigen / um dunkle Brunnenränder, die verwittern / im Wind sich fröstelnd fahle Astern neigen.“ Wer ohne Psychopharmaka durch den Herbst kommen will, beobachtet lieber mit feinem Auge, wie Wilhelm Busch, die kleinen Veränderungen in der Natur: "Der schöne Sommer ging von hinnen, der Herbst, der reiche, zog ins Land. Nun weben all die guten Spinnen so manches feines Festgewand.“

Auch hier, in diese windige Tierkolumnenkabause, weht es lyrische Leseranfragen ob der nun wieder zuziehenden animalischen Mitbewohner herein: "Kroch ’ne grüne Raupe jetzt ins Haus zu mir / ich frage mich: was wird aus ihr / womit füttern, worauf warten, oder will sie wieder in den Garten?“

Angesicht der feinen Anfrage in gebundener Form verbietet sich jede Kritik an der nur sehr rudimentären Beschreibung des jungen Schmetterlings. Herr Z. weist damit auf ein weitverbreitetes Missverständnis hin: Raupen gibt es nicht nur im Frühling! Nur sechs von ca. 180 heimischen Tagfalterarten überwintern als Falter. Einige wenige, wie der Schwalbenschwanz und Weißlinge, überstehen die kalte Zeit als Puppe in Kokon eingesponnen oder im Boden eingegraben. Besonders risikoreich ist die Überwinterung als Raupe. Manche verkriechen sich in der kargen Vegetation oder sitzen an Zweigspitzen als Knospen getarnt. Doch Vögel sind im Winter sehr hungrig. Den Winter als Ei zu verbringen, ist ganz geschickt, aber es braucht dann viel Zeit, bis die winzigen Raupen im Frühjahr zu erwachsenen Faltern herangewachsen sind.

Bleibt nur die Pensionistenstrategie: ab in den Süden. Wanderfalter wie der bei uns häufige Distelfalter kommen jedes Frühjahr aus dem Mittelmeerraum über die Alpen und fliegen teilweise bis nach Skandinavien. Wer es im Herbst vor Einsetzen der Fröste nicht mehr schafft, erfriert.

Und am Gletscher im frühen Morgenrot / finden Wanderer dann den Distelfalter tot.

Peter Iwaniewicz ist Biologe und schreibt im Falter seit 1993 über das Tier im Menschen

iwaniewicz@falter.at

zeichnung: püribauer.com


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