Film Neu im Kino

Wagenhofers "Alphabet": Lehrmeister &Mehrleister

Lexikon | Dr. Robnik | aus FALTER 41/13 vom 09.10.2013

Belehrung ist Thema und Praxis von "Alphabet": Kritik am Leistungsdruck im Schul(ungs)wesen will hier auf prägnante Bilder zur Bildung ebenso hinaus wie aufs Ausbuchstabieren einer Lehre.

Gut ist dieser Dokumentarfilm, wenn von Bildungsselektion Betroffene über sich erzählen: ein Deutscher mit Aufstockerjob als Security, ein Spanier, erster Uni-Absolvent mit Down-Syndrom, in Beharrungspose und sarkastischer Selbstauskunft. Gut auch, wenn Erwin Wagenhofer wie in seinen wirtschaftsentfesselungskritischen Dokus (etwa "We Feed the World") Profitideologen und Leistungsroutine so ins Bild setzt, dass Widersprüche hervortreten: Deutscher Pisa-Tester bewundert den Effizienzterror im Schulsystem Chinas; chinesischer Bub wird zum Mathechampion gedrillt, trägt dabei ein rotes Rennfahrertrikot und Sekundenschlaf im Gesicht. Beim Experten mit Armeefrisur, der das Kriegerische am Konkurrenzsystem kritisiert und dann "Zertrümmerung" von Bildungstraditionen fordert, oder beim Kreativguru im "Mal-Ort", dem heutige Kinder nicht froh genug malen ("Das Kind spielt einfach nicht!"), fragt sich, ob Wagenhofer sie aufs Glatteis führt oder mit ihnen ebendort tanzt.

"Alphabet" versprüht jedenfalls so viel Glauben an Lehrmeisterreden wie die paternalistischen Dialoge seines Polit-Roadmovies "Black Brown White"(2011). Ein Neurobiologe predigt auf Bühnen und sinniert an der Ex-DDR-Grenze über die uns Menschen schon vorgeburtlich aufgegebene Verbundenheit. Eine Motivkette zu (gattungs- und individual-)evolutionetablieren Montagen zu Filmbeginn: Embryo, Wüste, Stimme eines Kreativitätsexperten, der laut Abspann von der Queen geadelt wurde. Na, dann!

Anstatt bildungsinstitutionelle Raum- und Zeitregimes zu erkunden, beschwört "Alphabet" Autorität und Fantasie; als wären das nicht Kräfte, die heute dem Kreativkapital gut zuarbeiten.

Ab Fr in den Kinos


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