Erschreckend überzeugend: Yael Ronens "Niemandsland" am Schauspielhaus

Lexikon | Theaterkritik: Hermann Götz | aus FALTER 41/13 vom 09.10.2013

Auf der engen Bühne hat Fatima Sonntag ein Gerüst hochgezogen, in das provisorisch Fenster, Türen und Einrichtungsgegenstände integriert sind. Wie selbstverständlich finden die Darsteller hier zu ihren Geschichten. Birgit Stöger etwa verwandelt sich virtuos in eine kriegstraumatisierte Kammerjägerin, Seyneb Salehm überzeugt als deren Tochter, Jan Thümer ist ein ausgebrannter Journalist und Julius Feldmeier ein Anwalt, dem Moral und Eitelkeit durcheinanderkommen.

Wie schon zuletzt in "Hakoah Wien" setzt die israelische Regisseurin Yael Ronen auf das Prinzip "Short Cuts", um von den Lebenswegen mehrerer Menschen zu erzählen, die sich auf wundersame Weise kreuzen. "Niemandsland" (bis 30.11.) meint jenen grenzenlosen Sehnsuchtsort, wo Menschen einfach Menschen sind. Das sagt Osama Zatar, der als Osama Zatar auftritt. Doch vorerst ist Zatar vor allem Palästinenser und kann als solcher nicht mit seiner Frau, der Israelin Jasmin Avissar, die als Jasmin Avissar auftritt, zusammen sein. Rund um die reale und daher umso absurdere Geschichte der beiden webt Ronen ein Netz von Verstrickungen, dessen Fäden über Libyen bis zurück in den Jugoslawienkrieg reichen.

Das Stück schöpft aus dem Themenrepertoire einer kritischen israelischen Erzählkultur, auch wenn nicht von Israel erzählt wird. Es geht um Leid, Schuld, Trauma und das Erbe der Nachgeborenen. Es geht aber auch um die Perversion medialer Inszenierung, letztlich um die Unmöglichkeit, für das, was Krieg bedeutet, Worte oder Bilder zu finden. Das ist auch der Widerspruch und zugleich die Qualität dieser sonst so leichtfüßigen Erzählung: Sie stellt sich selbst infrage. Wieder ein wichtiges Stück!


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