Musikprotokoll im steirischen herbst: radikale Sinnlichkeit als Ausweg

Lexikon | Musikkritik: Herbert Schranz | aus FALTER 41/13 vom 09.10.2013

Das heurige Musikprotokoll brachte Konzerte in allen Sparten neuer Instrumentalmusik, A-cappella-Chormusik und den Film "Kredit" mit Musik. Elisabeth Schimana etwa ließ die Mitglieder des Radio-Symphonieorchesters Wien im Dom im Berg ohne Noten spielen. Und steuerte selbst jedes Mitglied über einen eigenen Lautsprecher an, dessen Töne für ihr Stück "Virus#3" nachzuspielen waren: in Rhythmen wiederholte Einzeltöne entgegengesetzter Lagen, pendelnde Tonschritte, als Äußerstes ein Terzintervall der Oboe. Aus so simplen Bausteinen baute sie durch Überlagerungen und Ausdünnungen eine Architektur, die ein spannendes Verhältnis von Individuum und Kollektiv anschaulich machte. Dies unterstützend saßen Musiker und Zuhörer durchmischt im Raum.

Nicht alle Formkonzepte erreichten dieses Niveau. So schien die Orientierung an vermeintlichen Normen einer heutigen Orchestersprache die meisten jungen europäischen Komponisten zu blockieren, deren Werke zum Thema der fünf chinesischen Elemente das Klangforum Wien im Kammersaal der AK präsentierte. Der Slowene Vito Žuraj klopfte sich in "Fired-up" (Element Feuer) mit Steinen durch eine extreme Klangsinnlichkeit.

Radikale Sinnlichkeit prägte auch den Film "Kredit" von Daniel Kötter und Hannes Seidl, für den sie gar den Chor der Deutschen Bundesbank ins Orpheum brachten. Der Stummfilm zeigt den Tag eines Bankers in Frankfurt, wobei jedes Geräusch und auch die "Filmmusik" live auf der Bühne produziert wurden: extremer Realismus in schroffem Kontrast zur Virtualität der Finanzwelt.

MUMUTH, Sa 20.00 (Abschlussveranstaltung "Asteroid 62")


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige