Boxkampf mit zwei Pinseln

Die Ausstellung "Warhol /Basquiat" präsentiert Gemeinschaftsarbeiten der Kunststars

Lexikon | Nicole Scheyerer | aus FALTER 41/13 vom 09.10.2013

Er ist ein Künstler, der die Kritik extrem spaltete: Als Jean-Michel Basquiat 1988 nach einer Überdosis Heroin sein kurzes Leben aushauchte, reichten die Einordnungen von der Ehrung als erstem Afroamerikaner, der es in der weißen art world ganz nach oben geschafft hatte, bis zur Degradierung zum "Federgewicht" mit "praktisch null" künstlerischer Bedeutung. Dass der Maler, dessen Bilder heute Auktionspreise von bis zu 50 Millionen Dollar erzielen, sehr wohl Einfluss ausübte, beweist nun die Ausstellung "Warhol/Basquiat" im Kunstforum.

Anfang der 1980er-Jahre unterbreitete der Galerist Bruno Bischofberger seinem Starkünstler Andy Warhol eine Idee. Was hielte er davon, mit zwei aufstrebenden Künstlern der Galerie zu kollaborieren? Warhol war zunächst skeptisch, ließ sich dann aber doch auf die "Collaborations" ein, und schon bald kursierten Leinwände zwischen seiner Factory und den Studios der mehr als 30 Jahre jüngeren Kollegen Basquiat und Francesco Clemente.

"Die Chemie hat aber nicht so gepasst, und so begannen Warhol und Basquiat, gemeinsam im Atelier zu arbeiten", erzählt der Kurator Florian Steininger über den produktiven Dialog, der im Fokus der jetzigen Schau steht.

Das Foto am Ausstellungsplakat, das die Perücken-und den Kraushaarträger mit Boxhandschuhen zeigt, spiegelt die gegensätzlichen Charaktere. Der von der Street Art beeinflusste Junge teilt aus, sein 57-jähriger Kollege und Mentor bekommt den simulierten Kinnhaken ab. "In der Kontroverse zwischen dem energiegeladenen Basquiat und dem phlegmatischen Warhol tut sich viel auf", schildert Steininger. "Im Unterschied zu viel anderer Malerei aus den 80er-Jahren, sind die Bilder von unheimlicher Frische und Jugendlichkeit. Sie sehen so zeitgenössisch aus, als kämen sie gerade erst aus dem Atelier."

In der Praxis sah das so aus, dass Warhol die leere Leinwand mittels Schablonen oder mit aufprojizierten Sujets (z.B. Zahlen oder Schriftzügen) bemalte und Basquiat dann mit dem Pinsel Formen akzentuierte, eigene Zeichen oder Spritzer einbrachte.

Das gemeinsame Malen hatte einen beflügelnden Effekt auf Warhol: Der selbsterklärte "business artist", der auf Bestellung slicke Siebdruckporträts für 25.000 Dollar anfertigte, findet wieder Gefallen am direkten Malen. In den "Collaborations" greift er auf die so rohe und schroffe Malweise seines Frühwerk zurück.

Der Popartist fertigte in jener Zeit auch Best-ofs seiner berühmtesten Bilder an, indem er "Marilyn Monroe" oder "Mao" gemeinsam mit Motiven wie den Campbell's-Suppendosen, "Car Crash" oder "Electric Chair" auf die riesige Leinwand "Retrospective Painting" bannte. Dann wieder wird in den "Egg Paintings" Warhols Sehnsucht nach einer abstrakten Kunst deutlich, die der figurative Maler Basquiat überhaupt nicht kennt. Es handelt sich um ein letztes heftiges Aufflackern von Experimentierlust, bevor der Künstler 1987 stirbt. Sein "Last Supper" nach Leonardo da Vinci bildet den Schlusspunkt der Schau.

"Die Presse sah Basquiat als Maskottchen und Warhol als in die Tage gekommenen Post-Pop-Künstler, der durch ihn eine Frischzellenkur erhielt", weiß Kurator Steininger. Aber Basquiat war schon vor seiner Freundschaft mit Warhol ein gefragter Künstler: Als jüngste Position nahm er 1982 an der malereilastigen Documenta 7 teil.

Mit vielen Missverständnissen und Klischees hat sein Werk bis heute zu kämpfen. So haben Basquiats Anleihen beim Graffiti-Style nichts mit dem naiven Zugang eines Outsiders zu tun, sondern sind bewusst kalkulierte Nachahmungen des Primitiven. "Im Mittelpunkt steht bewusst Basquiat als Künstler und nicht seine Biografie", betont Steininger in Anspielung auf das mythenumrankte Leben des Malers.

Übrigens sei der Kunstmarkt seinerzeit nicht besonders angetan von den gemeinsam gemalten Werken gewesen. Die Kritiker betrachteten sie als künstliche, allzu konstruierte Setzung, sie galten im Sinn von Wiedererkennbarkeit als weder Fisch noch Fleisch. Diese Sichtweise hat sich mittlerweile stark geändert; die meisten der Leihgaben stammen aus Museen. Basquiat übernimmt durch die Zusammenarbeit Warhols Lust an der Wiederholung und am Seriellen. Der manische Arbeiter setzt fortan auch Siebdruck ein und affichiert fotokopierte Bilder auf seinen Leinwänden.

Basquiats Humor zeigt auch sein Porträt von Andy: In dem Bild "Brown Spots" greift er das Cover des Debütalbums der Band The Velvet Underground & Nico auf und malt eine Banane mit Warhols Gesicht. Als kleine Sensation wird im Anschluss an die Vernissage am 15. Oktober The-Velvet-Underground-Mitbegründer John Cale ein Gastspiel in Wien geben.

Kunstforum, Vernissage Di 19.00; bis 2.2.


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