Vor 20 Jahren im Falter  Wie wir wurden, was wir waren

Alles verdrängt

Falter & Meinung | aus FALTER 42/13 vom 16.10.2013

Haben wir das alles verdrängt? In Gut-Böse-Jenseits von vor 20 Jahren stand zu lesen: "Böse: Dieter Moor, der als Vox-Moderator ungefragt die Hosen herunterließ und dem TV-Publikum sein Spatzerl präsentierte.“ Damit nicht genug: "Jenseits: Günter Jauch, der sich, von Dieter Moor dazu angestiftet, gerade entblößen wollte, allerdings nur bis zur Unterhose kam, weil rechtzeitig der Werbeblock dazwischen fuhr.“ Günter Jauch! Ja, wir kannten das Privatfernsehen, als es noch viel kleiner war als heute. Nur Dieter Moor heißt heute Max, glaube ich.

Ein Kernstück dieser Falter-Ausgabe war ein Interview von Christian Michelides mit Gertrud Fussenegger. Michelides hatte bereits im Falter Thomas Bernhards ÖVP-Mitgliedschaft aufgedeckt (qua Bauernbund-Mitgliedschaft) und traf nun die Schriftstellerin, die in der Nazizeit einige grausliche Dinge publizierte, unter anderem ein Jubelgedicht auf Hitlers Einmarsch in Wien 1938 ("Gewaltiger Mann / wie können wir dir danken! / Wenn wir von nun an eins sind, / ohne Wanken“), und dafür nie auch nur ein Stückchen Ansehen einbüßte. Nun erhielt sie vom Freistaat Bayern den Jean-Paul-Preis für ihr Lebenswerk, und Michelides, einem jungen Radikalinski der Kulturberichterstattung, wurde es zu bunt.

Er traf die damals 81-Jährige zu einem Gespräch und drängte die Schriftstellerin immer mehr in die Defensive. Sie beteuerte, sie höre schlecht, ihr Hitlergedicht sei eine Liebeserklärung an Österreich gewesen, und als ihr Michelides eine Textstelle nach der anderen unter die Nase hielt, an die sie sich nicht erinnern konnte, vergaß sie den Strudel im Rohr, der ihr genau in dem Moment verbrannte, als die Gäste klingelten und das Interview beendet war. Ein gespenstisches Dokument.

Bemerkenswert ein Interview von Andreas Ungerböck mit dem genialischen amerikanischen Krimi-Autor James Ellroy. Er habe Serienkiller satt, sagte der, sie würden nur von den wahren Problemen der USA ablenken und seien deswegen gern in Talkshows gesehen. AT


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