Meinesgleichen

Erinnerung: Peter Schieder, ein Ungewöhnlicher

Falter & Meinung | aus FALTER 42/13 vom 16.10.2013

Es war vor 30 Jahren im Falter. Als wir etwas verrückter und jünger waren, setzten wir uns für die Wildplakatierer ein, parodierten Rundbriefe des Bürgermeisters Leopold Gratz, der versuchte, den Wildplakatierern das Handwerk zu legen, und verteidigten die Plakatierer als Träger von Meinungs- und kultureller Vielfalt. Mit allem hatten wir gerechnet, mit einem nicht: dass uns ein Stadtrat der SPÖ anrief und zu einem Gespräch über unsere Kritik ins Rathaus bat. Er habe die "Aktion scharf“ der Stadt ausgesetzt und ersuche uns um Vorschläge, wie mit dem kommerziellen Missbrauch der Plakatierer zu verfahren sei und man trotzdem die kulturelle und politische Freiheit der Plakatierer erhalten könne.

Der Stadtrat hieß Peter Schieder. Seine Diskussionsbereitschaft war seriös, das Gespräch bleibt als seltene Ausnahme in bester Erinnerung. Schieder war so etwas wie ein liberaler Sozialdemokrat, ein damals wie heute nicht eben häufiges Exemplar. Er stellte das später nicht zuletzt in seiner von Anfang an entschlossenen Parteinahme für die Rechte von Schwulen und Lesben unter Beweis. Wien verdankt dem Umweltstadtrat Schieder viel: Der Bau der Donauinsel und der Ausbau des Grüngürtels fielen in seine Amtszeit. Zuvor war er mit 29 Jahren jüngster Nationalratsabgeordneter der SPÖ gewesen. In den letzten Lebensjahrzehnten war er ORF-Stiftungsrat und außenpolitischer Sprecher der SPÖ. Staatssekretär Andreas Schieder ist sein Sohn. Vergangene Woche starb Schieder 73-jährig in Wien.

Quelle:

* Denkt wild! Von Armin Thurnher Falter 9/1984


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