Fragen Sie Frau Andrea

Apropos Prozent: Punkt oder nicht?

Kolumnen | aus FALTER 42/13 vom 16.10.2013

Liebe Frau Andrea,

nach jeder Wahl verwirrt er mich: der Prozentpunkt. Habe ich in der Schule zu wenig aufgepasst? Wie ist er verwandt mit dem gewöhnlichen Prozent? Oder sind sie gar eines, und es geht - wie so oft - mehr um Schein als um Sein?

Mit Dank und Grüßen, Brigitte Guschlbauer, Mödling, per Smalt

Liebe Brigitte,

bevor wir den Elfenbeinturm der Erkenntnis besteigen, müssen wir uns kurz im Souterrain der Erklärungen aufhalten. Es gibt zwei Möglichkeiten der Verwirrung im Umgang mit den Begriffen "Prozent“ und "Prozentpunkt“. Die erste liegt in der eigenen Unklarheit über den semantischen Unterschied. Die zweite Konfusion ergibt sich aus der Wahrnehmung der falschen Anwendung derselben. Klären wir zunächst den Begriff Prozent, letterntechnisch "%“ geschrieben. Deutschsprechenden fiele es wesentlich leichter, statt "Prozent“ das Wort "Vonhundert“ zu verwenden.

Klären wir nun den Begriff des Prozentpunktes. Die Pipsipartei war brav und hat ihr Wählerpotenzial ausgeschöpft, sie hat im Vergleich zur Wahl davor weder dazugewonnen noch Stimmen verloren. Sie steht bei zehn Prozent der abgegebenen Stimmen. Die Pipsipartei hat also zehn Prozent. Anders die Situation bei der Volltrottelpartei. Sie stand bisher ebenfalls bei zehn Prozent. Sie hat aber zugelegt und bekam nun 15 Prozent, ein Drittel an Stimmen mehr. Die Volltrottelpartei - jetzt wird es spannend - hat um fünf Prozentpunkte zugelegt. Die Schnarchnasenpartei, bisher hatte sie 20 Prozent Wählerzuspruch, hat ebenfalls um fünf Prozentpunkte zugelegt. Sie liegt nun bei 25 Prozent. In Prozentpunkten ausgedrückt, haben Volltrottelpartei und Schnarchnasenpartei gleich viel gewonnen, nämlich fünf Prozent (der Gesamtzahl der abgegebenen Stimmen). Relativ gesehen ist der Gewinn der Volltrottelpartei aber ein größerer. Aus zehn Prozent machte sie 15, sie steigerte sich (in Bezug auf die eigenen Stimmen) um 50 Prozent. Anders die Schnarchnasen: Ihre Steigerung entspricht zwar ebenfalls fünf Prozentpunkten des Gesamtwahlergebnisses, aber nur 25 Prozent der eigenen Ergebnisse. Die Verwirrung zwischen Prozent und Prozentpunkten wird von parteipolitischen Akteuren gerne dazu verwendet, Verluste kleinzureden und Gewinne aufzubauschen.


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