Tiere

Anfänge

Falters Zoo | aus FALTER 42/13 vom 16.10.2013

Oktober 1982. Als ich eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand ich mich in meinem Bett in einen Biologiestudenten verwandelt vor. Und als solcher wollte ich mich meinen Ängsten, zu denen kleine krabbelnde Tiere - zoologisch dachte ich damals noch nicht sehr genau - zählten, auch nicht stellen. Vielmehr plante ich, mich mit Graugänsen zu unterhalten und große Fragen der Evolutionsbiologie zu klären. Also belegte ich eine Vorlesung über Verhaltensforschung. Doch die vom Vortragenden selbst angefertigten Tonaufnahmen vom Hundegekläffe in seinem Wohnviertel schienen mir ebenso öd wie nervig. Also wechselte ich in Zeiten unerhörter Leichtigkeit des Studierens in ein Seminar, das für höhersemestrige Studenten (damals kannte man noch keine gendergerechte Sprache) empfohlen wurde. "Ökologische Entomofaunistik - Exkursion“ hörte sich nach Spaß im Freien an und fand vermutlich an einem Ententeich statt. Mangels altphilologischer Bildung war mir nicht bewusst, dass éntomon eigentlich "das Eingeschnittene“ bedeutete und somit die Bezeichnung für Insekten war.

Nachdem uns der Bus im tiefsten Wienerwald ausgespuckt hatte, begann ein Universitätsassistent wortlos zuerst kleine Glasröhrchen und dann Zettel an jeden Teilnehmer auszugeben. Auf meinem Papier stand das rätselhafte Wort "Heteroptera“. Die bergbeschuhten und regenbejackten Auskenner-Studenten verschmolzen daraufhin sofort mit der Umgebung, während ich mit Fiorucci-Shirt und Leinenturnschuhen in der bleichen Oktobersonne auf die weitere Ausgabe von Fanggeräten und Schutzkleidung wartete. Hey, bitte das lernt man doch schon in der Volksschule: Tiere nicht anfassen, die kratzen, beißen, stechen und übertragen Krankheiten! Um nicht aufzufallen, stellte ich mich zu einem Baum und betrachtete dessen Rinde mit vorgetäuschtem Interesse. Ungebetenerweise machte mich jemand auf ein kleines Insekt vor meinen Füßen aufmerksam, das ich dann mithilfe meiner Collegeblocks und viel Waldboden in mein Röhrchen stopfte. "Erstens: Erdbestattung. Zweitens: keine Wanze, sondern Ectobius lapponicus (Übers.: Waldschabe)“, knurrte der Assistent in völliger Verkennung der Überwindung meiner Insektenphobie.

Mehr davon, wie ich aus einer ignoranten Stadtbewohner-Raupe zum prächtigen Falter-Kolumnisten wurde, gibt es am 15. November im Rabenhoftheater.

iwaniewicz@falter.at

zeichnung: püribauer.com


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