Film Neu im Kino

Ikone der Verlogenheit: Soderberghs "Liberace"

BARBARA SCHWEIZERHOF | aus FALTER 42/13 vom 16.10.2013

Bislang galt Liberace als Ikone der Verlogenheit: der Piano-Entertainer verkaufte sich als konservativer Hetero und Sonnenschein aller Schwiegermütter, gegen jedwede Gerüchte ging er gerichtlich vor. Sein Tod 1987 im Alter von 67 an den Folgen von AIDS wurde zunächst verschleiert. Dennoch schien alles an diesem "King of bling" förmlich "schwul" zu schreien. In "Liberace" betrachten zu Anfang zwei junge Männer seine Show und können nur den Kopf schütteln darüber, wie das Publikum "es" nicht sehen kann. Einer von ihnen ist Scott Thorson (Matt Damon); Liberace (Michael Douglas) wird bald Gefallen an ihm finden und ihn zu sich nach Hause mitnehmen, während im Hintergrund ein anderer junger Mann grollend und schmollend die Koffer packt. Das Augenverschließen nach allen Seiten hin, so zeigt der Film, ist integraler Bestandteil dieses Lebens.

Im Wesentlichen ist "Liberace" ein recht "straightes" Biopic über die letzten Jahren des Entertainers. Zwischen Scott und Liberace ist es wie sonst in der Liebe: Auf anfängliche Begeisterung folgen Forderungen, man ist sich zu nah und nicht nah genug, Gefühle erkalten, Bedürfnisse laufen auseinander. Das alles ist mit Soderbergh'scher Sorgfalt und dezent in Szene gesetzt. Vor Sexszenen muss sich hier keiner fürchten, eher vor den modischen Entgleisungen der 1980er.

Michael Douglas spürt Liberaces Widersprüchen zwischen verheimlichter Sexualität und menschlicher Aufgeschlossenheit, zwischen divenhaft und väterlich, mit genau der richtigen Dosis an Zurückhaltung nach. Matt Damon hat daneben die undankbare Aufgabe, als simpel gestrickter junger Mann vom Land zu bestehen. Doch er verleiht seiner Figur so viel Präsenz und Verwundbarkeit, dass man am Ende fast mehr mit ihm mitfühlt als mit der Titelperson. Der Fokus von Soderbergh liegt auf der Betonung des Alltäglichen. Von den verstörenden Elementen in der auf den "Real Life"-Memoiren von Scott Thorson beruhenden Biografie werden die leicht goutierbaren ausgestellt, wie etwa Liberaces Rolle als früher Jünger der plastischen Chirurgie. Ein Film, der ein breites Publikum für eine zwiespältige Gestalt des Showbusiness einnimmt. Nicht, dass dagegen was zu sagen wäre. Am Ende von "Liberace" stört eher das: dass so wenig stört.

Ab Fr in den Kinos (OmU im Votiv)


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