Film Neu im Kino

Aufgeladen &unterhöhlt: Milieu-Mystery "Prisoners"

LEXIKON | DR. ROBNIK | aus FALTER 42/13 vom 16.10.2013

Bei diesem Thriller ergibt zweimal Anschauen Sinn. Nicht weil er so toll ist -obwohl er recht gut ist -, sondern weil er in einem komplexen Plot so viele Neubewertungen von Figuren auffährt, dass es Spaß machen wird, spätere Mehrwissens-Aha-Effekte auszukosten.

"Prisoners" beginnt mit der Entführung zweier Mädchen in einer Kleinstadt in Pennsylvania. Alles ist geladen: mit Spannung in effektiven Suspensekonstruktionen; mit gestauter Aggression in den Akteuren; mit müdem Middle-Class-Leben in Milieuräumen, die der Kanadier Denis Villeneuve in seinem US-Regiedebüt in Spätherbstgrautönen moduliert; symbolisch aufgeladen in materiellen Räumen -das Gefängnismotiv als Kehrseite des Typus Schutzraum. Die Väter der Mädchen verschleppen einen Tatverdächtigen und foltern ihn (es geht dabei ums Moralische, nicht um Schauwerte). Das Verlies des Gepeinigten gerät zum Beichtstuhl, Baumreihen erscheinen wie Gitter, die in einem Hamsterkäfig nachklingen. Überall Doppelböden und Keller; der eine Vater, befangen im Glauben und seiner Beschützerrolle (Hugh Jackman), heißt Keller mit Vornamen.

Am besten ist "Prisoners" im Andeuten. Woher die Tattoos des Polizeidetektivs (Jake Gyllenhaal) und sein Zwinker-Tic (welch ein Anblick!) rühren, bleibt offen. Zugleich bleibt (im tollen Ensemble: Maria Bello, Paul Dano) Raum für Überraschungen in Sachen Handlungsfähigkeit: Männer der Tat erliegen ihrer Ohnmacht; Täter erweisen sich als Opfer. Universaltrauma als Netzwerk von Sozialisierung - am Ende so sinnig, dass, wenn schon nicht Folter, so doch der "Be ready!"-Habitus von Vater Keller als gar zu legitim erscheint.

Dem Film eilt der Vergleich mit "Das Schweigen der Lämmer" voraus. Es spricht Bände, wie weit "Prisoners" entfernt ist vom frivolen Ausloten postnormaler Identitäten in dem 1990er-Klassiker; aber er spielt durchaus in dessen Liga.

Bereits in den Kinos (OF im Artis und Haydn)


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