Enthusiasmuskolumne  Diesmal: die beste Bäckerei der Welt der Woche

Zwischen Marillenstrudel und Maroniherz

Feuilleton | aus FALTER 43/13 vom 23.10.2013

Es gehört mittlerweile zum guten Umgangston, den deplorablen Zustand des hiesigen Bildungssystems zu beklagen. Wer dieser Tage Wiesen, Fluren und Wälder durchstreift, wird nicht nur von der Einsicht geflasht, dass Gott auf LSD war, als er den Herbst schuf, sondern auch vom Verdacht gestreift, dass das Programm, das seinerzeit im Kindergarten und in der Volksschule durchgezogen wurde, so falsch auch nicht war: Kastanien klauben zum Beispiel oder bunte Blätter sammeln - voll der Knaller!

Entgegen den eindringlichen Aufforderungen meiner Mitreisenden, dergleichen Geheimwissen nicht leichtfertig ans große Massenpublikum weiterzuleiten, will ich - Schönes will doch auch geteilt werden - nicht damit hinterm Berg halten, dass man eine Wachau-Wanderung nicht nur mit Aussicht auf die Verräumung von Veltlinervierteln zu velozitieren vermag, sondern auch mit entsprechendem initialem Mehlspeiseinschub upgraden kann.

Man beginne also mit der Tour nach Joching am Kirchenplatz von Spitz mit einem Pariserspitz, noch besser aber mit einem Marillenstrudel oder Zwetschkenfleck, den man sich in der ebenso zauber- wie zwergenhaften, auch sonntagvormittags geöffneten und historisch durch hansmoserliche Präsenz geehrten Weiß- u. Schwarzbäckerei des Heinrich Notz besorge. (Der genannte Volksschauspieler pflog hier seine Urlaubsunterkunft in Form von Backdiensten zu begleichen.) Man suche freilich, den Patisserieverzehr in sitzender Position zu vermeiden. Denn wer so anfängt, wird die Buschwandlwandwanderung ganz sicher nicht gebacken kriegen. Hat man es aber geschafft und in Krems den Anschlusszug nach Wien verpasst, ist das auch kein Verhau: Die Maroniherzen in der Konditorei Raimitz am Bahnhofsplatz sind ausgezeichnet.

KLAUS NÜCHTERN


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