Der grimmige Menschenfreund: zum Tod des Theaterregisseurs Dimiter Gotscheff

Feuilleton | Nachruf: Wolfgang Kralicek | aus FALTER 43/13 vom 23.10.2013

Dimiter Gotscheff war der Sohn eines Tierarztes und ein großer Menschenkenner. Er blickte stets grimmig drein, war im Grunde aber eine Seele von einem Menschen. Auch seine Inszenierungen waren nicht immer so streng und schroff, wie sie oft wirkten. Für den steirischen herbst etwa inszenierte Gotscheff 2000 am Grazer Schauspielhaus den balkanischen Gewaltreigen "Das Pulverfass“ vom Mazedonier Dejan Dukovski als mitreißende Gratwanderung zwischen Spaß und Terror.

Der Bulgare Gotscheff war mit der österreichischen Schauspielerin Almut Zilcher verheiratet und verbrachte den Großteil seines Lebens in Deutschland; er war Regisseur in Düsseldorf und Bochum, arbeitete in den letzten Jahren hauptsächlich in Hamburg (Thalia Theater) und Berlin (Deutsches Theater, Volksbühne). Seit seiner bulgarischen Erstaufführung von Heiner Müllers "Philoktet“ 1983, die vom Autor in einem offenen Brief als modellhaft gepriesen wurde, galt Gotscheff als führender Müller-Interpret, er blieb dem DDR-Dramatiker auch dann noch treu, als er nicht mehr in Mode war.

Unter Klaus Bachler inszenierte Gotscheff dreimal im Akademietheater; seine beste Wiener Arbeit war die gekonnt am Rand der Grausamkeit balancierende Inszenierung von Martin McDonaghs schwarzer Terrorismuskomödie "Der Leutnant von Inishmore“ (2002). Aber länger als ein paar Wochen hat Gotscheff es hier nie ausgehalten. Wien war ihm zu langsam, zu alt, zu grau; schon der Besuch einer Trafik war eine schwere Prüfung für ihn . "Wenn man da reingeht und nur eine Schachtel Zigaretten will, stehen da schon zwei oder drei Leute und reden über die unmöglichste Scheiße! Das ist so verlogen, so verloren. Dieses sinnlose Gequatsche!“

In dieser Spielzeit hätte er dennoch nach Wien zurückkehren sollen; im März sollte er im Akademietheater Becketts "Endspiel“ inszenieren. Das wäre das richtige Stück für den menschenfreundlichen Rappelkopf Dimiter Gotscheff gewesen. Am Sonntag ist er nach kurzer schwerer Krankheit in Berlin gestorben.


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