Film Neu im Kino

Fesselnd und abgründig: "Stein der Geduld"

Lexikon | Sabina Zeithammer | aus FALTER 43/13 vom 23.10.2013

Eine afghanische Stadt im Krieg: In einem leeren Zimmer liegt ein Mann im Koma, neben ihm seine betende, weinende Frau. Nach einem Genickschuss atmet der ehemalige Kriegsheld noch, während sie verzweifelt auf sein Erwachen hofft.

"Stein der Geduld" von Atiq Rahimi, der seinen gleichnamigen Roman selbst verfilmt hat, erzählt die Geschichte dieser namenlos Bleibenden (beeindruckend: Golshifteh Farahani). Nachdem sie ihre Töchter bei ihrer Tante untergebracht hat, kehrt sie täglich zu ihrem Mann zurück. Die schreckliche Notlage wird für sie zu einer unerwarteten Chance: Inspiriert von der Legende des "Steins der Geduld", dem man alle Geheimnisse anvertrauen kann, bis er eines Tages zerspringt und den Sprechenden befreit zurücklässt, beginnt sie, dem Verletzten über sich zu erzählen.

Die Freiheit, offen reden zu können, entwickelt für die junge Frau einen faszinierenden, der sie umgebenen Realität enthobenen Sog. Ihr Mann, den sie als fremd und kalt erlebte, muss ihr zuhören, sich ihrer Annäherung ergeben. Zwischen Wut, Sehnsucht und Angst breitet sie ihr Wesen, die ganze Wahrheit unbarmherzig und lustvoll aus.

"Stein der Geduld" ist ein unbequemes, mutiges Werk: In einer brutalen Gesellschaft präsentiert sich der innere Befreiungsschlag einer zeitlebens unterdrückten Frau. Aus ihren mit Rückblicken, dem Auftauchen eines Soldaten und Besuchen bei ihrer Tante abwechselnden Monologen entspinnt sich ein intimes, abgründiges Lebensbild.

Bis auf einige als "inhaltliche Erklärung" für die Zuseher erkennbare Passagen fesselt "Stein der Geduld" bis zur letzten Minute. Wunderschön gefilmt baut das Werk eine so intensive Atmosphäre auf, dass man selbst den Teppich unter den nackten Füßen zu spüren meint.

Bereits im Kino (OmU im Top)


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