Two Fuller Weeks

Von alten Meistern und neuen Filmen: Vorschau aufs Programm der Viennale

Lexikon | Michael Omasta | aus FALTER 43/13 vom 23.10.2013

Das ist ein verfluchtes Pech, in so einem Riesenland in eine Bärenfalle zu treten", sagt Lars Rudolph, einer der Einwanderer, die sich 1898 in Kanada zu einem Trek von Deutschen zusammenschließen, um in Kalifornien ihr Glück zu versuchen. Thomas Arslan, ein Regisseur der Berliner Schule, hat mit "Gold" einen Western gedreht, der natürlich viel mehr als bloß ein Western ist: ein Film über Flüchtlingsschicksale, so aktuell und politisch wie Kino anno 2013 überhaupt nur sein kann. Erst im Verlauf dieser gefahrvollen Reise kristallisiert sich die tatsächliche Hauptfigur heraus: Emily Meyer aus Chicago, ursprünglich Bremen, fabelhaft gespielt von der stets fabelhaften Nina Hoss.

Vielleicht erlaubt es der Anlass, den eingangs zitierten Satz auf die Viennale umzumünzen: Das wäre ein verfluchtes Pech, beim internationalen Wiener Filmfestival, das während der kommenden 13 Tage rund 300 Spiel-, Dokumentar- und Kurzfilme in die Kinos der Stadt bringt, ausgerechnet an einen Flop zu geraten!

Da ist's schon wahrscheinlicher, für die eine oder andere Vorstellung keine Karten mehr ergattern zu können. Speziell bei den Galas im Gartenbaukino, zu denen sich heuer Berühmtheiten wie Dokumentarfilmer Claude Lanzmann, der US-Komiker Will Ferrell oder Ex-Formel-1-Vizeweltmeister Jacky Ickx angesagt haben, wird es rasch eng mit dem Kontingent im freien Verkauf. Gleiches gilt erfahrungsgemäß für Eröffnungs- wie Abschlussfilm, wobei "Inside Llewyn Davis", die Folk-Tragikomödie von Joel und Ethan Coen, mit der das Festival am 24. Oktober eröffnet, am Morgen danach noch ein weiteres Mal gezeigt wird.

Unter den spektakulären Highlights des diesjährigen Programms finden sich zwei große Serials aus der Geschichte des Kinos: "Out 1 - Noli me tangere", der 13-Stunden-Film von Jacques Rivette (1979/90), wird im Beisein von Produzent Stephane Tchalgadjeff und Hauptdarsteller Jean-Pierre Léaud eine seiner raren Aufführungen en suite erleben - ebenso wie "Tih-Minh", ein zwölfteiliger Stummfilm des genialen Louis Feuillade (1918), in dem nebst ausufernden Verfolgungsjagden etwa auch halluzinogene Drogen und schlafwandelnde Gräfinnen zum Einsatz kommen.

Die dokumentarische Sektion weiß mit neuen Arbeiten alter Meister zu beeindrucken, darunter Frederick Wiseman ("At Berkely"), Werner Herzog ("Death Row II"), Volker Koepp ("In Sarmatien") sowie Marcel Ophüls, der mit "Un Voyageur" seine äußerst vergnügliche filmische Autobiografie vorlegt. Selbstverständlich darf auch "Sacro GRA" von Gianfranco Rosi nicht fehlen, der im September beim Festival in Venedig als erster Dokumentarfilm (seit Leni Riefenstahls "Olympia", 1938!) mit dem Hauptpreis ausgezeichnet wurde. Der Titel bezieht sich auf "Grande Raccorde Anulare", jene Autobahn, die Rom umspannt wie die Ringe den Saturn. Buchstäblich auf der Straße findet Rosi hier Dutzende skurriler Geschichten: von Rettungsfahrern, frustrierten Prostituierten, philosophierenden Aalfischern, zwei Tabletänzerinnen oder von dem wunderlichen Insektenforscher, der Käfern lauscht, die sich durch den Stumpf einer Palme fressen.

Auffällig im diesjährigen Programm ist eine Häufung von Filmen über das Filmemachen. Das reicht von "The Bay" (eine Found-Footage-Kompilation von Hollywood-Routinier Barry Levinson) über "Jerry & Me"(eine Liebeserklärung von Mehrnaz Saeedvafa an Jerry Lewis) bis zu klassischen Porträts über Filmemacher wie Roland Klick oder ein Doppelporträt über James Benning und Richard Linklater.

Das überraschendste darunter ist "A Fuller Life" über Hollywoods ewigen Außenseiter Samuel Fuller (1912-97), gedreht von seiner Tochter Samantha Fuller, die gleich einmal Dad's altes Sturmgewehr schultert, ehe Kollegen wie James Franco, Joe Dante, Monte Hellman oder Tim Roth aus der posthum erschienenen Autobiografie des Regisseurs lesen. Stark sind die Kapitel über Fullers frühe Jahre als Reporter, als Drehbuchautor und schließlich als US-Soldat, der sowohl bei der Landung auf Sizilien als auch in der Normandie dabei war und die Öffnung des KZ Falkenau mit seiner 16-mm-Kamera dokumentierte. Schön ist das Wiedersehen mit Constanze Towers, dem Star von "The Naked Kiss" (1964), die über Fuller in Hollywood und seine Liebe zur klassischen Musik liest: Die wahren Helden des Raubeins waren Bach, Beethoven, Mozart.

Und auch Weltpremieren hat die Viennale zu bieten: "Carta un padre" von Edgardo Cozarinsky, "Dialogue d'ombres" von Danièle Huillet und Jean-Marie Straub oder aus heimischer Produktion "Those who go Those who stay". Thema dieser neuen Arbeit von Ruth Beckermann sind die freiwilligen und unfreiwilligen Reisebewegungen auf dem europäischen Kontinent.

Gartenbau, Kino am Schwarzenbergplatz, Metro, Künstlerhaus Kino und Urania, 24.10. bis 6.11.; Information: www.viennale.at


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