Vor 20 Jahren im Falter Wie wir wurden, was wir waren

Ein Heine?

AT | aus FALTER 44/13 vom 30.10.2013

Eine Kulturgeschichte der Männerunterwäsche -mit nicht mehr und nicht weniger wartete Klaus Nüchtern in der Titelgeschichte des Ressorts Stadtleben auf. "Feinripp regiert" punktete mit der Ansage, der weiße Feinripp mit Eingriff habe ausgespielt, angesagt sei nun der Body, allenfalls der Pelzslip aus Zebra-Imitat, allenfalls der Doppelstring-Tanga.

Die Geschichte wurde begleitet von einer von Andrea Kästle durchgeführten Umfrage, in der Fußballer Gustl Starek (nur kurz, weil behaarte Beine, und das kratzt), Dragqueen Ken Krüger (ohne, weil diesbezüglich Fetischist) und Manfred Deix (muss meiner Frau imponieren, deswegen kauft sie die gleich selber) befragt wurden. Die anregendste Anwort gab Pfarrer Rudolf Schermann, Herausgeber der aufmüpfigen Zeitschrift Kirche Intern: "Insgesamt besaßen die Pfarrer früher bezüglich ihrer Unterwäsche mehr Variationsmöglichkeiten. Unter dem knöchellangen Talar ließ sich ja alles tragen."

Das Feuilleton machte mit einer schönen Rede des Autors Robert Schindel auf, der den Erich-Fried-Preis bekam und aus vielen kleinen Reden und Episoden eine Rede "stückelte". Eine Szene daraus, ein Dialog Schindels mit seinem soeben im 87. Lebensjahr verstorbenen Onkel Erich, der gerade noch aus Buchenwald nach England entkommen war.

Schindel: "Hör zu, OE, ich glaub, ich bin ein Dichter." -

"Ich hab dich schon länger im Verdacht", antwortete er.

"Es dauert eine Weile, bis ich mich werde durchsetzen können."

"Inzwischen", sagte er, "studiere und schreib nebenbei."

"Schreiben ist nichts mit Nebenbei. Unterstütz mich, damit ich Zeit habe, mich durchzusetzen."

"Wie komme ich dazu?" "Schau, der Heine hatte einen Onkel, der hat ihn zeitlebens unterstützt."

"Jaja", knurrte Onkel Erich, "ich bin allerdings ein Onkel, aber bist du ein Heine?" Ein Heine, fügt Schindel hinzu, sei er nicht geworden. "Jeder ist, der er ist."


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