Kunst Kritik

Spot auf den Sack: Es lebe die Weichheit

Lexikon | NS | aus FALTER 44/13 vom 30.10.2013

Das männliche Nacktmodell, das am Vernissagenabend der Ausstellung "S/He Is The One" seine Hoden ins Scheinwerferlicht hielt, sorgte - auch im Rahmen einer genderkritischen Schau wie dieser - für nicht wenig Stirnrunzeln. Die Künstlerinnen Mathilde Ter Heijne und Amy Patton wollten mit der Performance "Gentle Men" dem Hoden zu mehr Sichtbarkeit verhelfen - er lebt ja quasi im Schatten des Penis, dem Symbol des Patriarchats. Verletzlichkeit anstatt Erektion, reproduktive Substanz anstatt Rohr, so das Motto. Den Phallus als Gewaltapparat inszenierte Renate Bertlmann 1980 in ihrer Performance "Wurfmesser", bei der sie mit Messer und Nadeln versehenes Sexspielzeug auf aufblasbare Sexpuppen schleuderte: eine Aktion zum Thema Vergewaltigung. Recht eindeutig geht es auch bei Hans Scheirls großem Gemälde "In_efficient Ejaculation Management" zur Sache, das motivisch ins Anale führt. Leider liegt der Verdacht nahe, dass es sich nicht um absichtliches Bad Painting handelt. Dann schon lieber die Körperzeichnungen von Scheirl aus den 1980er-Jahren, die weit authentischer wirken.

Klassiker der feministischen Kunst sind mit Ana Mendieta, Valie Export und Sanja Ivekovic zu sehen. Die weniger bekannte US-Künstlerin Martha Wilson ist mit dem 1972 entstandenen Video "Premiere" vertreten. Das Problem ist, dass die Arbeiten jüngerer Künstlerinnen wie Roberta Lima, Ursula Mayer oder Katrina Daschner meist nur sehr wenig Beziehungen zu den gezeigten Arbeiten aus den 1970er- und 80er-Jahren erkennen lassen. Insgesamt mangelt es der Gruppenschau nicht an interessanter Kunst, doch ist der Schwerpunkt Gender so ausdifferenziert, dass er als Gemeinsamkeit hier eine nur sehr vage Konstruktion ergibt. Am 21. und am 27.11. finden noch Performanceabende statt.

Kunstraum Niederösterreich, bis 14.12.


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