Stadtrand Urbanismuskolumne

"Wüst a Watschn, Deppata?"

Stadtleben | aus FALTER 44/13 vom 30.10.2013

Neulich auf der Mariahilfer Straße: Es ist ein schöner Herbstnachmittag, und -so scheint' s - halb Wien flaniert über die Einkaufsmeile. Auf der Höhe Stiftgasse kommt die Menge ins Stocken. Was ist da los? Ein Bettler, der sich erfrecht, mitten auf dem Gehsteig zu knien und schweigend um Geld zu bitten. Skandal! Die Menge tobt! Nicht einer, der dem Mann "a Watschn" androht, wenn er den Gehsteig nicht sofort räume. Immerhin trübt seine Anwesenheit die Kauffreude und die Flanierlust. Wer wird im Shoppingrausch schon gerne mit der Armut und dem Elend anderer behelligt? Der Mann schluckt die Drohungen demütig hinunter; er hebt den Blick kaum vom Boden, wenn er angepöbelt wird. Die Beschimpfungen scheinen für ihn schon Stück seines Alltags zu sein. Wieder eine Frau, die sich darüber echauffiert, dass man hier mit jedem Schritt auf einen Bettler stoße. Verbieten solle man das, fordert sie lautstark, und einige Passanten nicken bekräftigend. Der Mann indes bleibt stumm knien und macht von seinem Recht Gebrauch, passiv um Geld zu bitten. Und das ist zum Glück -noch - erlaubt.


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