Kommentar Kulturstadt Wien

Peter, Luigi und Salvatore gegen die Gebrüder Coen

Falter & Meinung | KLAUS NÜCHTERN | aus FALTER 44/13 vom 30.10.2013

Angenommen, Mimi fährt auf feinflorige Flageolettflokatis ab, wohingegen ihr Gatte Max, der klassische Musik ab circa Debussy für unhörbaren Unfug hält, mehr mit melancholischen Filmhumoresken über skurrile Verlierertypen anfangen kann. Am Donnerstag vergangener Woche wurde den beiden ein spitzenmäßiges und absolut eheförderliches Programm geboten: Für Mimi die Wien-Modern-Eröffnung im Konzerthaus mit Stücken von Eötvös, Sciarrino und Nono; für Max "Inside Llewyn Davis" im Gartenbaukino, der jüngste Film der Coen Brothers, mit dem die heurige Viennale eröffnet hat. Nachher hätten sich die beiden auf halbem Wege treffen und im Steirereck noch einen späten Imbiss nehmen können.

Dass es Menschen gibt, die sich sowohl für Film als auch für die sogenannte Neue Musik interessieren, scheinen die Veranstalter dieser beiden größten Wiener Kulturfestivals der zweiten Jahreshälfte und die Stadt Wien als deren Geldgeber nicht anzunehmen -oder es ist ihnen einfach wurscht.

Angesichts der betulichen Beteuerungen, wie wichtig ein ausdifferenziertes Kulturangebot nicht sei, stellt sich freilich die Frage, ob eine solche Programmierung und der habituelle Parallelslalom der beiden Festivals nicht als ein bissl dekadent gelten muss?

Die vollständige Tribalisierung des Kulturlebens -hier die Modern-Dance-Mohikaner, dort die Alte-Musik-Apachen -wird hingenommen, es kriegen eh alle ihr eigenes Pow-Wow (den Delawaren der Dissidenz richtet man halt in der Kunsthalle ein Diskursfestival ein). Ob mit der öffentlich alimentierten Eventkultur noch Öffentlichkeit hergestellt wird? Egal, Hauptsache es brummt!


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