Tiere

Spinnenküsser

Falters Zoo | aus FALTER 44/13 vom 30.10.2013

Fortgesetztes Leben: Mein Biologiestudium war im Sommer 1989 nicht nur fortgeschritten, sondern semestermäßig geradezu angeschwollen. Auf der Suche nach dem Sinn des Berufslebens arbeitete ich als Betreuer in einem Ferienlager. Meine ursprünglichen Ängste vor rückgratlosen Tieren hatte ich dank einer Methode des Naturforschers William Bristowe abgelegt. Dieser hatte auch Schwierigkeiten, sich mit bestimmten Tierarten anzufreunden und überwand seine Furcht, indem er das betreffende Tier einfach aß. Nur bei der langbeinigen Hausspinne Tegenaria atrica hatte das von ihm in diesen Fällen angewandte und bewährte Rezept keine ekelbefreiende Wirkung gezeigt.

Ich zog also damals mit Gruppen von präpubertären Jungmenschen durch das Unterholz und hatte vollkommen vergessen, welche panische Angst ich ursprünglich vor Spinnen gehabt hatte. Ein paar Kinder nervten mich mit der Frage, wie man Naturführer werden könnte. Um sie endlich loszuwerden, behauptete ich, dass der Aufnahmetest darin bestehe, eine Spinne über seine Zunge laufen zu lassen.

Meine Vermutung war richtig gewesen, angeekelt drehten die Fieselschweife ab. Ich hatte die ganze Sache bereits vergessen, als nach einigen Tagen ein aufgeregter Trupp Kinder angewanzt kam. In ihrer Mitte hielten sie einen ziemlich stocksteifen Burschen, der trotz herausgestreckter Zunge immer wieder etwas murmelte, das wie "If bfin bfereit" klang.

Ich wurde darüber aufgeklärt, dass er nun -nach tagelanger mentaler Vorbereitung - für den großen Naturführeraufnahmespinnentest bereit wäre. Eine kleine, grüne Krabbenspinne hätten sie auch schon mitgebracht. Und ehe ich mich herausreden konnte, wurde versucht, diese unter großem Gekreische des Publikums dem Naturführeramtsanwärter auf die langsam austrocknende Zunge zu pressen. Eine nicht zu unterschätzende Herausforderung , denn die Spinne tat alles, um sich im eigentlichen Sinne des Wortes abzuseilen. Nach einigen Minuten berührte sie dann doch noch für einen Bruchteil einer Sekunde die jugendliche Zungenoberfläche. Und - falls Sie diese Frage quält - weder die Spinne wurde gebissen noch der Jugendliche gefressen.

Weitere Bekenntnisse, wie ich vom Schockpädagogen quasi zum Jesper Juul der Naturtherapie wurde, gibt es am 15. November im Rabenhoftheater

www.falter.at iwaniewicz@falter.at zeichnung: püribauer.com


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