"Wir sind unser eigener Feind"

Der englische Starautor David Mitchell eröffnet die Erich-Fried-Tage im Literaturhaus

Lexikon | Interview: Sebastian Fasthuber | aus FALTER 44/13 vom 30.10.2013

Die traditionellen Erich-Fried-Tage warten heuer mit einem dichten und hochkarätigen Programm auf. Das Motto der Veranstaltung lautet "Welt - wohin?" - nach dem ursprünglichen Titel der deutschen Übersetzung von Aldous Huxleys "Brave New World". Autoren wie Tahar Ben Jelloun, Simon Critchley oder Jonathan Lethem fragen sich in ihren Beiträgen, wie wahrscheinliche und unwahrscheinliche Szenarien für das dritte Jahrtausend aussehen. Die Eröffnung bestreitet der englische Autor David Mitchell (Jg. 1969), der durch den Roman "Der Wolkenatlas" berühmt wurde.

Falter: Sie haben erst zu schreiben begonnen, als Sie als Sprachlehrer in Japan arbeiteten. Warum nicht schon früher?

David Mitchell: Tagträume übers Schreiben hatte ich von Kindheit an. Von Zeit zu Zeit versuchte ich mich auch an typischer Teenager-Poesie oder an einer Kurzgeschichte. Ernsthaft zu schreiben angefangen habe ich, als ich in Japan meinen 25. Geburtstag feierte. Mir ging an dem Tag auf, dass Talent nicht alles ist, ja, es ist nicht einmal etwas Besonderes. Talent haben viele. Um aus einer Begabung etwas zu machen, brauchst du Disziplin - genau wie es mein Sportlehrer, über den ich mich immer lustig gemacht habe, einst ausgedrückt hat. Also habe ich meinen Fernseher weggeben, meine sozialen Kontakte aufgegeben und von da an abends und am Wochenende geschrieben. Heute müsste man wohl auch noch seinen Breitbandanschluss kündigen, was verheerend wäre.

Sie wurden in den letzten Jahren oft als Genie bezeichnet. Sie scheinen aber am Boden geblieben zu sein.

Mitchell: Wenn man Engländer ist und das Label "Genie" akzeptiert, ohne mit Selbstironie oder Anflügen von Selbsterniedrigung darauf zu reagieren, dann lautet das Label ganz schnell "Wichser". Wer glaubt, alles, was er schreibt, sei das Werk eines Genies, wird fauler und ein schlechterer Redakteur seiner eigenen Arbeit. Früher umgab Autoren vielleicht eine andere Aura, weil es keine Literaturevents und Promotiontourneen gab - die meisten Autoren trafen ihre Leser nie. Heute sind wir keine mysteriösen Kreaturen aus einem höheren Reich reiner Kunst mehr, sondern Teil einer mittelgroßen Industrie. Ich kritisiere das nicht, denn dadurch entstehen Jobs, ich werde nach Wien eingeladen und kann davon leben, was ich am liebsten mache.

Sie lesen aus Ihrem Roman "Der Wolkenatlas", der vom Niedergang der Zivilisation handelt. Die Teile, die in der Zukunft spielen, wirken wie eine klassische Dystopie.

Mitchell: Ja. Man kann sagen, wir Erdbewohner führen heute Krieg - und wir sind unser eigener Feind. Die Enkelkinder unserer Kinder werden uns dafür verfluchen, dass wir ihnen nichts hinterlassen haben als leere Kaffeekapseln, Kakerlaken und Tauben, Fässer voller Plutonium und das iPhone Version 64. Hört sich für mich ziemlich dystopisch an.

Wie haben Sie es erlebt, als Hollywood einen Film aus Ihrem Buch gemacht hat?

Mitchell: Dadurch bekam ich ein Visum für die Welt der Filmproduktion, die ich faszinierend fand. Ich führte mit Setund Kostümdesignern, Dialog-Coaches, Schauspielern, Regisseuren, Produzenten und Medienanwälten Gespräche, an die ich mich lange erinnern werde.

Hat der Film Ihre Karriere angekurbelt?

Lechner: Natürlich. Der Erfolg hat mir finanzielle Unabhängigkeit in einem Ausmaß beschert, das sonst als Autor fast unmöglich zu erreichen wäre.

Hat sich der Akt des Schreibens über die Jahre verändert?

Mitchell: Ich arbeite immer noch mit den Elementen Plot, Figuren, Stil, Sprache, Struktur und Idee, bin ein Wort-Nerd geblieben, trinke literweise grünen Tee, will, dass jedes Buch besser ist als sein Vorgänger, und fühle mich schuldig, weil ich nicht mehr schreibe. Aber einiges hat sich auch verändert. Nach einigen Romanen steht man vor der Aufgabe, Wiederholungen zu vermeiden, und ist einfach nicht mehr so spontan. Erfolg bringt mit sich, dass man ein Gewerbe betreibt. Früher hätte ich nie gedacht, dass ich einmal einen Steuerberater anheuern würde. Es macht mir aber immer noch Spaß. Ein Tag, an dem mir eine gute Szene gelingt, fühlt sich wie ein guter Tag an. Wenn Sie mich jetzt also bitte entschuldigen würden, ich sollte mich langsam an die Arbeit machen.

Eine Frage noch: Wie sieht Ihr Arbeitstag aus? Mitchell: Ich bin ein Vater und Ehemann, also versuche ich das Schreiben irgendwie mit diesen Rollen zu vereinbaren. Es ist keine perfekte Situation, aber ich lebe auch nicht in Utopia.

Erich-Fried-Tage: Literaturhaus, 6. bis 10.11.


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